Corona-Impfstoff
Nach Corona bald auch Impfstoffe gegen HIV, Malaria – und Krebs? mRNA-Technik könnte die Medizin revolutionieren

Mit den mRNA-Vakzinen konnten bereits Millionen Menschen gegen das Coronavirus immunisiert werden. Eine medizinische Revolution bahnt sich an, das berichtet der Sonntagsblick.

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Der Corona-Impfstoff ist erst der Anfang.

Der Corona-Impfstoff ist erst der Anfang.

Foto: Sandra Ardizzone

Die Corona-Impfung, aus der Not geboren, ist zur medizinischen Sensation geworden: Nur elf Monate lagen zwischen der Entschlüsselung des Viruserbguts und der Zulassung des ersten Vakzins – inklusive Entwicklung und klinischen Tests.

Millionen geniessen bereits ihren Schutz. Und das ist noch längst nicht alles: Die mRNA-Wirkstoffe – darin ist sich die Wissenschaft einig – werden die Medizin revolutionieren. Mit Hochdruck arbeiten Hersteller der mRNA-basierten Covid-Impfungen wie Biontech und Moderna sowie Curevac, das älteste auf mRNA-Forschung spezialisierte Unternehmen, deshalb an weiteren Anwendungen. Arzneimittel gegen Krebs, Tropenkrankheiten und Diabetes sind denkbar. Sogar Multiple Sklerose und Alzheimer sollen künftig mit mRNA-Therapien geheilt werden können, das berichtet der Sonntagsblick.

Einer der immer an die Technik geglaubt hat, ist Steve Pascolo (50), Molekularbiologe an der Universität Zürich. Er forscht seit mehr als zwanzig Jahren an mRNA-Impfstoffen und war massgeblich an der Entwicklung des Verfahrens beteiligt. Er sagt: «Die Vakzine gegen Covid-19 sind erst der Anfang.»

Igor Splawski, Forschungschef bei der deutschen Curevac, erläutert das verblüffende Konzept: «Durch die mRNA-Technologie sind wir in der Lage, dem Körper direkt die Information zu geben, die er benötigt, um Krankheiten bekämpfen und gegebenenfalls sogar heilen zu können.»

Nur eine Frage der Zeit

Schon jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, bis mRNA-Impfungen die herkömmlichen Grippevakzine ablösen. Nach wie vor entstehen Influenza-Impfstoffe in Hühnereiern, die Herstellung dauert Monate – bei Versorgungsengpässen oder dem Auftauchen neuer Grippeviren lassen sich traditionelle Grippe-Impfstoffe deshalb nicht unmittelbar nachproduzieren. Im Vergleich dazu sind mRNA-Vakzine einfach herzustellen, günstiger und schnell anzupassen.

Steve Pascolo: «Angesichts des Erfolgs des Corona-Impfstoffs ist es naheliegend, direkt zur Grippe überzugehen.» Im Prinzip lasse sich in zwei bis drei Monaten ein Impfstoff gegen jedes beliebige Virus herstellen, sagt der Molekularbiologe. Ein Blick in die Entwicklungsabteilungen der Biotech-Unternehmen zeigt: Einige Präparate befinden sich in den letzten Tests und stehen bereits vor der Marktreife.

Das mRNA-Verfahren könnte sogar bei der Entwicklung eines HIV-Impfstoffs entscheidend sein, «da es das Immunsystem im Vergleich zu derzeitigen Bestrebungen auf unterschiedliche Art aktiviert», sagt Curevac-Forschungschef Igor Splawski.

Unzählige Möglichkeiten, viele Hoffnungen

Wirkstoffe auf mRNA-Basis können nicht nur Viren killen, sondern auch Parasiten wie dem Erreger von Malaria Paroli bieten – der weltweit häufigsten Infektionskrankheit, an der jährlich etwa 400'000 Menschen sterben, davon 270'000 Kinder. Splawski bestätigt, dass Curevac daran arbeitet, mittels mRNA den «Schutz vor einem Malaria-Antigen zu verbessern».

Auch in der Krebsbehandlung erwarten Mediziner von der mRNA-Technik Fortschritte. Die neuen Impfstoffe sollen das körpereigene Immunsystem so programmieren, dass es bösartige Tumorzellen überall im Körper erkennt und eigenständig zerstört.

Langfristig soll das Verfahren auch bei Autoimmun- und Erbkrankheiten zum Einsatz kommen. So etwa bei Multipler Sklerose (MS), einer Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu Lähmungen, Geh- und Sehstörungen führen kann. Noch weiss niemand, wie die Krankheit entsteht, ein Heilmittel existiert nicht. Aber auch bei der mRNA-Technik ist Geduld gefragt. Es wird noch Jahre dauern bis der Impfstoff überhaupt an MS-Patienten getestet werden kann.

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