Corona-Experten
BAG-Masserey: «Die Schweiz hat eine der höchsten Inzidenzraten Europas»

Die Anzahl der Covid-Neuansteckungen ist stagnierend. Davon dürfe man sich nicht täuschen lassen, warnen die Coronaexperten. Im europäischen Vergleich sei die Inzidenzrate hoch. Zudem seien die Intensivpflegestationen stark ausgelastet.

Dario Pollice
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Laut Virginie Masserey vom BAG ist die Inzidenzrate der Schweiz im Vergleich zum Rest Europas sehr hoch.

Laut Virginie Masserey vom BAG ist die Inzidenzrate der Schweiz im Vergleich zum Rest Europas sehr hoch.

Keystone

In den vergangenen zwei Wochen hat sich die Anzahl der Neuinfektionen in der Schweiz stabilisiert. Dennoch bleibe die Lage angespannt, wie die Coronaexperten des Bundes vor den Medien am Dienstag ausführten. Im europäischen Vergleich bleibe die Inzidenzrate hierzulande weiterhin sehr hoch. «Die Schweiz hat mit Ausnahme von Grossbritannien eine der höchsten Inzidenzraten Europas», sagte Virginie Masserey vom BAG.

Auch die Leiterin der wissenschaftlichen Taskforce, Tanja Stadler, warnte, dass man sich von der stagnierenden Entwicklung nicht täuschen lassen darf: «Die Lage in den Spitälern spitzt sich zu.» Zwar ist gemäss den Coronaexperten auf den Intensivpflegestationen eine gewisse Stabilisierung zu verzeichnen. Doch medizinische Eingriffe von Nicht-Covid-Patienten müssten immer öfters verschoben werden, während Covid-Patienten in der aktuellen vierten Welle länger hospitalisiert werden als im Frühling. Zudem widerspiegeln die Zahlen nicht immer die aktuelle Lage: «Es gibt immer eine Verzögerung zwischen der Hospitalisierung und der Einweisung in die Intensivstation», fügte Virginie Masserey an.

Solothurn erhöht Intensiv-Kapazitäten

Gemäss Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst KSD, sind derzeit 42 Prozent der zertifizierten Intensivbetten in der Schweiz durch Covid-Patienten belegt. «Das ist eine hohe Auslastung.» Die Reservekapazitäten seien dabei regional sehr unterschiedlich verteilt. «So verfügen die Kantone Glarus, Nidwalden und Thurgau über keine zertifizierten Reservekapazitäten mehr», sagte Stettbacher.

Erweiterte Zertifikatspflicht: SVP wehrt sich, FDP dafür

Um die Intensivstationen zu entlasten, könnte der Bundesrat bereits morgen Mittwoch eine Ausweitung der Zertifikatspflicht auf Restaurants, Freizeitbetriebe und kleinere Veranstaltungen beschliessen. Noch bevor der Entscheid gefallen ist, äusserten sich am Dienstag bereits verschiedene Parteien dazu. So schreibt die FDP in einer Mitteilung, dass sie eine allfällige Ausweitung «mit klaren Bedingungen» unterstütze. Es müsse klar festgelegt werden, wie lange die Ausweitung der Zertifikatspflicht gilt. Zeichne sich kein Engpass bei der Spitalversorgung mehr ab, sei sie sofort wieder aufzuheben. Dort, wo eine Zertifikatspflicht gelte, sollten zudem die übrigen Einschränkungen wie die Maskenpflicht fallen.

Strikt gegen eine Ausweitung stellt sich derweil die SVP. Diese sei «inakzeptabel» und komme einem Impfzwang gleich, heisst es in einer Mitteilung. Zudem werde davon erneut die «ohnehin geplagte» Gastronomie getroffen. Die Partei fordert vom Bundesrat im Hinblick auf die Herbstferien eine klare Strategie im Umgang mit Ferienrückkehrern. Zudem sollen die Intensivbetten und das Fachpersonal aufgestockt werden.

In Hinblick auf eine mögliche Ausweitung sagte Tanja Stadler, Chefin der Taskforce, dass Infektionen bei Kontakten passieren, insbesondere in schlecht belüfteten Innenräumen. Das sei das Ziel der Zertifikatspflicht: «Dass nicht so viele Personen infiziert sind, wenn Kontakte stattfinden», so Stadler. Insofern habe die Zertifikatspflicht eine «bremsende Wirkung» epidemiologisch gesehen. (agl)

Der Kanton Solothurn will indes die Kapazitäten auf den Intensivstationen erhöhen, wie es in einer Mitteilung vom Dienstag heisst. Die Stationen seien «innert kürzester Zeit» durch Reiserückkehrende gefüllt worden. Der Kanton stellt deshalb vom Normalbetrieb auf die erste Eskalationsstufe um, die Intensivplätze sollen «bedarfsgerecht» und unter Berücksichtigung der «stark geforderten» Pflegenden erhöht werden. Das führe auch dazu, dass Wahleingriffe und nicht dringende Operationen verschoben werden müssen.

Eine der niedrigsten Impfquoten Westeuropas

Die Schweiz gerät im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn nicht nur bei den Inzidenzen ins Hintertreffen. Auch bei den Impfungen hinkt sie hinterher. Derzeit hätten 58 Prozent hierzulande eine Erstimpfung. Innerhalb Westeuropas sei das eine der niedrigsten Quoten, sagte Tanja Stadler. «Bei diesem Tempo erreichen wir erst Weihnachten eine ähnliche Abdeckung wie Frankreich, Italien oder Spanien jetzt schon haben». Das Impftempo müsse demnach deutlich erhöht werden.

Die Coronaexperten betonten erneut die Wirksamkeit der Impfung. So betrage der Schutz von doppelt geimpften Personen vor einer Hospitalisierung über alle Altersgruppen hinweg 90 Prozent. Zudem würden doppelt Geimpfte bei einer allfälligen Ansteckung lediglich milde Symptome entwickeln.

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