Corona
«Die Situation ist fragil und ungünstig»: Experten schliessen dritte Welle nicht aus

Noch steigen die Fallzahlen in der Schweiz nur langsam. Dennoch könne dies wieder zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, sagt der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri.

Peter Walthard
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Möchte wenigstens die Risikogruppen nach Zeitplan impfen: Rudolf Hauri (l.) an der Medienkonferenz des Bundes in Bern.

Möchte wenigstens die Risikogruppen nach Zeitplan impfen: Rudolf Hauri (l.) an der Medienkonferenz des Bundes in Bern.

Keystone

Es sei zu hoffen, dass sich die Impfungen positiv auswirkten, sagte der Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, Rudolf Hauri, am Dienstag an einer Medienkonferenz des Bundes in Bern. Man beobachte derzeit leicht steigende Fallzahlen. Die Belegung der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten bleibe noch stabil. Doch hätten die Erfahrungen gezeigt, dass sich ein Anstieg der Fallzahlen später bisher stets auch auf die Belegungszahlen der Spitäler ausgewirkt habe.

Einen solchen Anstieg – eine dritte Welle also – wollte Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), nicht ausschliessen. Die Lage sei derzeit «fragil und ungünstig», sagte er. Die Hoffnung, dass sich die Anfang Jahr begonnene Reduktion der Fallzahlen fortsetze, habe sich nicht bestätigt. Auch in den Nachbarländern sind die Fallzahlen laut Mathys wieder im Steigen begriffen, insbesondere in Italien und Österreich.

Allerdings habe sich die epidemiologische Lage gleich in Bezug auf mehrere Grössen geändert: Zum einen sei da die neue Teststrategie des Bundes und die Impfkampagne. Auf der anderen Seite zeichne sich ab, dass die mittlerweile dominanten mutierten Varianten des Virus nicht nur ansteckender seien, sondern auch häufiger zu tödlichen Erkrankungen führten. In der Schweiz wird der Anteil der mutierten Varianten an den Neuinfektionen aktuell auf 80 Prozent geschätzt.

Möglicherweise müssen bis zu 80 Prozent geimpft oder immun sein

Das Ziel, bis Ende Juni den Grossteil der Bevölkerung impfen zu können, mochte Mathys noch nicht aufgeben. Dies obwohl seit dem Impfstart Anfang Jahr erst 4,57 Prozent der Schweizer Bevölkerung geimpft worden sind, wie er ausführte. Hauri gab eine etwas pessimistischere Prognose ab: Realistisch sei, dass bis im Sommer zumindest die Risikogruppen durchgeimpft seien. Ob es für die anderen Impfwilligen reiche, müsse man dann schauen. Der Zuger Kantonsarzt sprach in diesem Zusammenhang von einer «Herkulesaufgabe», welche die Kantone bewältigen müssten.

Dabei könnten die Mutationen dazu führen, dass sehr viel mehr Leute geimpft werden müssten als ursprünglich geplant, um zurück zu einer «Halbwegsnormalität» zu finden, wie sich Mathys ausrückte. Je ansteckender das Virus, desto grösser müsse dafür der Anteil der Geimpften oder durch Krankheit Immunisierten sein. Je nachdem rechnen die Experten zwischen zwei Dritteln und 80 Prozent der Bevölkerung. Die letzte Grösse wäre dabei allerdings schon nur deswegen schwer zu erreichen, weil Minderjährige bis jetzt weltweit von der Impfung ausgeschlossen sind.

Ein besonderes Augenmerk der Kantonsärzte gilt deshalb der Situation in den Schulen. Wie Rudolf Hauri ausführte, wird auch dort ein deutlicher Anstieg der Infektionszahlen beobachtet. Patrick Mathys bestätigte, dass auf Seiten des BAG derzeit intensive Diskussionen über Massnahmen an Schulen am Laufen seien. Die vom Bundesrat in Aussicht gestellten Lockerungsschritte wollte Hauri nicht kommentieren. Bei dieser Frage gehe es nicht nur um die epidemiologische Lagebeurteilung, sondern auch um «Fragen der Wirtschaft», sagte er. Der Bundesrat will am Freitag entscheiden.

Bündner Massentests als Erfolgsmodell

Fosca Gattoni, beim BAG stellvertretende Leiterin Sektion Heilmittelrecht, informierte am Dienstag zudem über den Stand bei der neuen Teststrategie des Bundes. Ziel sei es, 40 Prozent der mobilen Bevölkerung wöchentlich zu testen. Auf diese Weise sollen Infektionsherde dank Früherkennung unterbunden und Massenausbreitungen verhindert werden. In Graubünden habe dieses System funktioniert, sagte Martin Bühler, Chef des Krisenstabs. Der Kanton hatte zuerst in den Südtälern Massentests durchgeführt, später auch an Schulen im ganzen Kanton. Diese hätten einen messbaren Einfluss auf die Fallzahlen gehabt, sagte Martin Bühler. Das Virus sei «aus dem Puschlav rausgetestet» worden.

Die Wissenschaftliche Taskforce des Bundesrates, die in der Vergangenheit wegen ihrer biswelien unverhohlenen Kritik an der Politik des Bundes Schelte einstecken musste, war an der Medienkonferenz nicht vertreten.