Café Fédéral
Liebe Zürcherinnen und Zürcher, Ihr müsst uns nun wirklich nicht jeden «Seich» glauben

Der Stadt-Land-Graben ist in aller Munde. Und so versuchen sich die Zürcher ein Bild vom Land zu machen. Es ist erbärmlich! Eine Glosse.

Lucien Fluri
Lucien Fluri
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Trychler: Für Städter ein Symbol der Landbevölkerung.

Trychler: Für Städter ein Symbol der Landbevölkerung.

Maria Schmid

Liebe Zürcherinnen und Zürcher,

nun ist der Stadt-Land-Graben in aller Munde. Und so schicken Eure Medienhäuser Journalisten aufs Land, um zu sehen, wie es dort wirklich ist. Wirklich eine gute Idee. Ihr erklärt uns, wie die Provinz tickt.

Da ist der «Blick». Er schickt den Reporter an den Aargauer Stammtisch. Zu Franz, Martin, Thomas und Vik. Letzterer ist überzeugt: Den Klimawandel gibt es nicht wirklich. «Die Wissenschaftler jammern vor allem, um weiter ihre Beiträge zu bekommen.» Und die «Weltwoche» (Sitz: Zürich) schickt einen Journalisten (geboren in Zürich, studiert in Zürich und Peking) zu Freiheitstrychlern in Schwyz. Als ob es Knochen für hungrige Hunde wären, wirft er ihnen Schlagworte zu, auf die sie, gut konditioniert, mit konservativen bis abstrusen Meinungen kalauern. Die Ehe für alle: «Könnte ich dann meine Tochter heiraten?» - Wenn der Sohn ein Mädchen sein möchte, «dann hätte ich etwas falsch gemacht». Muss die Frau zu den Kindern schauen? «Das Kalb läuft ja auch immer der Mutter nach.»

Und so, liebe Zürcher, grabt ihr – im vermeintlichen Versuch, das Land zu verstehen – den Graben nur noch tiefer. Man will das Land erklären und verklärt es. Stammtischgeplauder wird zum Sinnbild fürs Land. Und der Ländler zum Hinterwäldler. Ein Tipp vom Land: Man muss nicht jeden «Seich» glauben. Und was am Stammtisch gesprochen wird, gilt auch auf dem Land oft nur als Stammtischgeschwätz.

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