Der 24-jährige Österreicher siegte im dritten Springen in Innsbruck auf souveräne Weise und führt die Gesamtwertung nun mit 27,3 Punkten oder umgerechnet rund 15 Metern vor dem Doppel-Olympiasieger aus der Schweiz an. Um dieses Polster noch einzubüssen, müsste Morgenstern im abschliessenden Wettkampf einen gravierenden Fehler begehen.

Fehlende Spritzigkeit in den Beinen

Ammann sprang auf der Innsbrucker Bergisel-Schanze in beiden Durchgängen kürzer als sein Widersacher und klassierte sich hinter dem Polen Adam Malysz und dem Norweger Tom Hilde als Vierter. «Die Beine haben mich heute etwas im Stich gelassen», sagte Ammann. «Die letzte Spritzigkeit hat mir gefehlt, um beim Absprung mit ganzer Kraft abzustossen. Das wäre aber nötig gewesen, um auf dieser Schanze ganz nach vorne zu springen.»

In der Tat gelang ihm der Übergang von der Schanze in die Luft in beiden Durchgängen nicht optimal. Beim ersten Sprung kam er mit dem Körperschwerpunkt zu früh nach vorne über den Ski, sodass dieser nach unten gedrückt wurde, statt an Höhe zu gewinnen. Im Final war Ammann dann am Schanzentisch einen Augenblick zu spät dran, was seine Sprunglatten zum Flattern und ihn um die nötige Geschwindigkeit brachte, um auf eine grosse Weite zu kommen. Nur seinen exzellenten Flugqualitäten war es zu verdanken, dass es im Klassement überhaupt noch so weit nach vorne reichte.

Weil Morgenstern, der seinen 20. Weltcupsieg feierte, einmal mehr seine überragende Form ausspielte, hätte es einen Ammann im Vollbesitz seiner Kräfte gebraucht, um den Rückstand in der Tourneewertung nur schon nicht anwachsen zu lassen. Dass er viel aufholen könnte, hatte der Sieger des Neujahrsspringens nicht erwarten dürfen. Die Schanze in Innsbruck liegt dem Toggenburger weniger gut als etwa der Olympiabakken von Garmisch, weil auf ihr dem Absprung grösseres Gewicht zukommt als einer sauberen Flugphase. Der kesselförmige Auslauf erlaubt keine Bildung eines Luftpolsters, auf dem sich weit segeln liesse. Verloren hat Ammann die Tournee daher nicht gestern, sondern beim Auftaktspringen in Oberstdorf, wo er 30 Punkte auf Morgenstern einbüsste.

Das Wunder am Dreikönigstag

«Jetzt wird es natürlich ganz schwer, die Tournee noch zu gewinnen», sagte Ammann. «In Bischofs-
hofen müsste ein grösseres Wunder passieren, aber vielleicht tritt dieses ja ein.» Er halte weiter daran fest, an den Optimalfall zu glauben. «Der Tourneesieg ist ein grosser Traum von mir, den erhalte ich sicher am Leben.» Unterstützung erhielt der 29-Jährige von Trainer Martin Künzle: «Auch die letzten beiden Sprünge müssen zuerst gemacht sein.»

Das weiss auch Thomas Morgenstern, der sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen lassen will. «Ich habe in der Vergangenheit oft den Fehler gemacht, mir zu viel Druck aufzusetzen», sagte der Kärntner. Das soll ihm diesmal nicht passieren. Der Olympiasieger von 2006 hat sich deshalb vorgenommen, am 6. Januar «loszulassen und Spass zu haben». Dies dürfte ihm umso leichter fallen, als er vor einem Jahr in Bischofshofen nach langer Durststrecke zum Siegen zurückgefunden hat. «In Innsbruck gelang mir damals gar nichts, da habe ich auf ein Wunder am Dreikönigstag gehofft», sagte Morgenstern. Diesmal ist es Simon Ammann, der auf das Wunder hoffen muss.