Seit acht Jahren stagniert der Frauenanteil in den kantonalen und nationalen Parlamenten. In der Tendenz geht er seit 2007 sogar wieder zurück. Und das obwohl die Zahl der Frauen, die zu den Wahlen antreten, stets hoch geblieben ist. Bei den Nationalratswahlen am 18. Oktober 2015 sind es konkret 1305 Frauen, die sich der Herausforderung stellen, und um den Einzug in das Bundeshaus kämpfen. Auch wenn mit 2497 Kandidaten noch immer doppelt so viele Männer antreten. Doch die Kandidatinnen holen auf.

Nationalratswahlen: Kandidatinnen und Gewählte

Unsicherer Sprung in Politik

Die grosse Frage ist nun, ob sich das gesteigerte Interesse um Mitsprache auch zu einem Erfolg an der Wahlurne ummünzen lässt. Der Bund Schweizerischer Frauenorganisationen Alliance F will es nicht darauf ankommen lassen. So ist Co-Präsidentin und Berner GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy überzeugt: «Wahllos Frauen zu wählen, führt zu nichts.»

Je nach Liste komme die Stimme, die eigentlich für eine Frau bestimmt gewesen wäre, am Ende möglicherweise einem Mann zugute. Um genau das zu verhindern, hat Alliance F eine Strategie entworfen, die über den Aufruf «Frauen wählen Frauen» hinausgeht. Bertschy hat Wahlresultate und Listenverbindungen studiert, hat sich in die Niederungen der kantonalen Politik gekniet, gerechnet und sich nun daran gemacht, für ein Dutzend Kantone sogenannte Wahltickets zu erstellen.

Wahlchancen sind entscheidend

Die Liste ist zwar noch nicht komplett, aber der Vorstand von Alliance F empfiehlt neuerdings einzelne Kandidatinnen zur Wahl. Das Projekt «Clever Wählen» hat Bertschy gestern in Bern vor den Medien präsentiert. Um es auf das Wahlticket zu schaffen, haben die Frauen zwei Voraussetzungen zu erfüllen: Erstens müssen sie eine veritable Chance haben, gewählt zu werden oder wenigstens auf einen ersten Ersatzplatz vorzurücken. Zweitens reicht es nicht, eine Frau zu sein. Die Kandidatinnen müssen die Anliegen von Alliance F mittragen. Vorderhand setzt sich der Verband für die Gleichstellung von Mann und Frau ein. Nicht jeder Politikerin ist dieses Ziel auch ein Anliegen.

Um auszuloten, wer die Interessen tatsächlich vertritt, müssen interessierte Frauen sieben von zehn Fragen richtig beantworten. Von besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie über Lohngleichheit, Individualbesteuerung, bis hin zu einer Frauenquote sind die Positionen weit gestreut – und wohl nicht für alle Parteien kompatibel. Unter den Frauen, die es bisher aufs Wahlticket geschafft haben, dominieren SP und Grüne, es sind jedoch auch FDP-, CVP- und GLP-Kandidatinnen anzutreffen. Bertschy betont, die Wahltickets seien noch nicht komplett.

Ein Licht ist aufgegangen

Alliance F vertritt die Interessen von 154 Organisationen, darunter auch Frauenwirtschaftsverbände. Insofern sind die Vorgaben politisch heikel. Nicht nur werden Frauen ohne Aussicht auf Erfolg vom Wahlticket ausgeschlossen. Die Parteipolitik rückt so in den Hintergrund. Co-Präsidentin und Nationalrätin Maya Graf (Grüne/BL) verteidigt das Vorgehen: «Unser Ziel ist es, mehr Frauen in den Rat zu wählen und das muss gezielt passieren.» Diese Erkenntnis habe sich auch im Verband durchgesetzt. Vizepräsidentin Helen Issler sagt, dass hinter den Wahlen eine ganze Wissenschaft stecke. «Wir haben gemerkt, dass wir bisher die falschen Frauen gewählt haben, weil wir nicht vorgängig auch ihre Chancen berechneten – uns ist ein Licht aufgegangen.»

Männer als Frauenversteher?

Bleibt die Frage: Warum es so wichtig ist, dass Frauen im Parlament sitzen: Können nicht auch Männer sich für Gleichstellungsfragen einsetzen? Das bestreitet zwar niemand. «Doch reicht das nicht: Es sind Frauen, die Erfahrungen aus Beruf und Alltag in die Politik einbringen und so Probleme überhaupt erst sichtbar machen», kommentiert Co-Präsidentin Graf. Ausserdem sei immer wieder spürbar, dass in Bereichen, wo Frauen untervertreten sind, die Interessen kaum wahrgenommen werden.