Pandemie
Sind die Medien schuld am Lockdown?

Nicht die Politik habe die Medien während der Pandemie getrieben, wie gewisse Verschwörungstheoretiker glauben. Eher war es umgekehrt. Das behauptet wenigstens der emeritierte Medienprofessor Stephan Russ-Mohl.

Christoph Bopp
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Dieser unbekannte Corona-Demonstrant hat's erfasst.

Dieser unbekannte Corona-Demonstrant hat's erfasst.

Raphael Hünerfauth

Die Medien und die Pandemie. Ein Diskussionsthema, seit Sars-CoV-2 sein Unwesen treibt. Neben der Pan-Demie eine Info-Demie, so eine These. Sie sollte andeuten, dass da auch etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Haben die Medien versagt? Das wurde bereits im «Club» von SRF diskutiert – und dabei den Medien wenigstens attestiert, in Teilen einen ansprechenden Job gemacht zu haben. Wobei nicht ganz klar wurde, worin denn der eigentliche Job der Medien bestanden hätte.

Der emeritierte Medien-Professor Stephan Russ-Mohl schrieb im letzten Herbst in einem Gastbeitrag in der «Süddeutschen Zeitung» vom «Handlungsdruck in Richtung Lockdown», dem sich die Regierungen nicht hätten ent­ziehen können. Jetzt wurde er vom Magazin «Cicero» interviewt und wunderte sich, dass die Medien diese Mitschuld nicht eingestehen wollten. Das Problem sei «die exzessive Menge» an Berichterstattung gewesen , und die habe Panik erzeugt. Er analysiert im Gastbeitrag dann durchaus zutreffend die Zwänge des Medienbetriebs, verkörpert in den Algorithmen der Aufmerksamkeitsökonomie: Es muss geliefert werden, was nachgefragt wird – und das führt dann zu einer sich selbst verstärkenden Welle.

Verhindert mehr Information die Angst nicht?

Der Punkt würde dann dort liegen, dass immer mehr Information nicht zu mehr Wissen und Orientierung geführt hätte, sondern im Gegenteil zu Angst und Panik. Und so interpretiert würde es dann nur zwei Möglichkeiten geben: (1) Die Information war falsch oder wenigstens nicht zweckdienlich; oder (2) die These, dass aufgeklärte und informierte Menschen eine Situation besser bewältigen könnten als solche, denen man alles vorenthält und sie im Unbestimmten lässt, ist falsch.

Beide Möglichkeiten sind nicht gerade attraktiv. Möglichkeit (2), dass der Unwissende manchmal glücklicher ist als der Informierte, kommt sicher vor. Ob der Zustand der Unwissenheit deshalb besser sei, ist dann aber eine Frage, der man zusätzlich nachgehen sollte.

Bleibt Möglichkeit (1). Russ-Mohl schreibt von einer «Dauer­berieselung mit Zahlen, die völlig irrelevant waren, die aber täglich kommuniziert wurden und die in ihrer Häufung Angst gemacht ­haben». Das trifft sich mit einem häufig vor­gebrachten Argument aus der Kritikerecke: Wirklich betroffen sei nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Bevölkerung und die Massnahmen seien deshalb jenseits aller Verhältnismässigkeit. Es reiche doch, die Gefährdeten zu schützen und den Rest leben zu lassen. Dass das nicht funktioniert hat, muss man nicht mehr nachweisen.

Die Urteilskraft braucht einen unvoreingenommenen Standpunkt

Russ-Mohls Mengen-These legt nahe, dass die Menge an Information die Urteilskraft lähmt – und man wäre wieder bei der fragilen Mündigkeit. Dass die Pandemie nicht angemessen wahrgenommen wurde, trifft wohl zu. Die Frage nach der Schuld muss man differenziert stellen. Wir (d. h. die Öffentlichkeit) taten uns schwer, die Lage einzuschätzen. Wir hatten keinen klaren Begriff eines exponentiellen Wachstums und wir verstanden nicht, dass dieses Virus anders funktioniert als andere. Die Beobachtung der Epidemie beruhte auf einem Test, der eine Scheidung der Bevölkerung verursachte, die schwer nachvollziehbar war, weil auch völlig asymptomatische und scheinbar «gesunde» Personen positiv getestet werden konnten. Die aber trotzdem als Virusträger eingestuft und entsprechend behandelt werden mussten.

Bleibt zum Schluss die leidige Frage nach der «Relevanz». Sie ist durch die Aufmerksamkeitsökonomie bereits schwer beschädigt. «Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Fischer.» Nimmt man den Begriff «Relevanz» ernst, würde das einen Standpunkt zur Folge haben, der oberhalb den Bedürfnissen des Nutzers liegt. Das erweckt den Vorwurf des «Paternalismus». Und danach begehrt der «User» zuletzt. Aber eine Urteilskraft, die funktionieren soll, braucht eben gerade so einen Standpunkt. Natürlich muss ihn der Nutzer selbst einnehmen. Aber darauf hinweisen darf man ihn schon.