Meinung
Organspende: Die Widerspruchslösung entlastet, schafft Klarheit – und rettet Leben

Mit der Abstimmung über die Einführung der erweiterten Widerspruchslösung steht ein Systemwechsel bevor, wie ihn andere Länder schon lange kennen. Es ist an der Zeit, auch in der Schweiz die Grundlage für mehr Organspenden zu schaffen.

Chiara Stäheli
Chiara Stäheli
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Wer seinen Willen für oder gegen die Organspende zeitlebens festhält, nimmt seinen Angehörigen eine grosse Last ab.

Wer seinen Willen für oder gegen die Organspende zeitlebens festhält, nimmt seinen Angehörigen eine grosse Last ab.

Bild: Christian Beutler / Keystone

Eines vorweg: Es gibt in dieser Frage keine moralisch richtige Entscheidung. Es gibt auch keine mehr oder weniger solidarische Haltung. Viel eher entscheiden persönliche Überzeugungen über eine Organspende – und damit auch über die Abstimmung zur Einführung der erweiterten Widerspruchslösung.

Trotzdem gibt es hauptsächlich ein gewichtiges Argument, das für einen Wechsel spricht: In der Schweiz werden vergleichsweise wenig Organe gespendet. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sogar unter engen Freunden oder innerhalb der Familie nicht bekannt ist, ob der Wille zur Spende besteht. Der Wechsel soll bewirken, was Bund und Gesundheitsinstitutionen mit Informationskampagnen seit Jahren mehr oder weniger erfolglos versuchen: Schweizerinnen und Schweizer sollen endlich über die Organspende reden. Und ihren Willen ihren Angehörigen mitteilen.

Genau das ist es, was der Bundesrat und das Parlament mit Unterstützung der Mehrheit der Parteien mit der Einführung der Widerspruchslösung erreichen wollen: Jede und jeder soll sich zeitlebens mit der Organspende auseinandersetzen. Wer nach seinem Tod keine Organe spenden möchte, hält seinen Entscheid im nationalen Register fest.

Angehörige werden immer miteinbezogen

Kommt ein sterbender Patient für eine Organspende in Frage, werden in jedem Fall seine nächsten Angehörigen kontaktiert. Das ist bereits heute so. Neu gehen die behandelnden Ärzte von einer Zustimmung aus, falls der Patient nicht im Register eingetragen ist. Sie fragen aber weiterhin immer die Angehörigen nach dem Willen des Patienten. Dieser vermutete oder festgehaltene Willen entscheidet letztlich über eine Organentnahme. Es handelt sich also – entgegen der Behauptung der Gegner – nicht um einen Automatismus. Die Freiwilligkeit einer Spende bleibt mit der erweiterten Widerspruchslösung gewährleistet.

Die Gegner der Widerspruchslösung argumentieren, dass Schweigen keine Zustimmung bedeute. Es geht dabei allerdings vergessen, dass niemandem Organe entnommen werden, der das nicht möchte. Mit dem neuen Gesetz wird jeder dazu verpflichtet, sich nach seinem 16. Geburtstag Gedanken über die Organspende zu machen – und seinen Willen festzuhalten beziehungsweise den nächsten Angehörigen mitzuteilen. Die Erfahrung der Ärzte zeigt: Hat sich eine Person in ihrem ganzen Leben nie geäussert und ist kein Eintrag vorhanden, lehnen die Angehörigen die Organspende ab. Schweigen bedeutet in diesem Fall also eher Ablehnung.

Entlastung für alle Beteiligten

Die Widerspruchslösung vereinfacht nicht nur die Arbeit der Ärztinnen und Pfleger auf den Intensivstationen, sie sorgt auch dafür, dass die Angehörigen zum Zeitpunkt des Todes eines ihnen nahestehenden Menschen entlastet werden. Wer sein Kind, seinen Partner oder seine Grossmutter an einem plötzlichen Tod verliert, will sich am Sterbebett nicht auch noch damit befassen müssen, ob diese Person ihre Organe hätte spenden wollen oder nicht.

Dennoch ist die Frage berechtigt, ob die erweiterte Widerspruchslösung tatsächlich zu mehr Organspenden führt. Können dadurch mehr Leben gerettet werden? Auch wenn in anderen Ländern kein direkter Zusammenhang zwischen der Einführung der Widerspruchslösung und einer höheren Spenderrate nachgewiesen werden konnte, bleibt offensichtlich: Je mehr Menschen sich mit der Frage befassen, ob sie Organe spenden wollen, desto häufiger kennen Angehörige im Todesfall den Willen des Sterbenden. Dadurch sinkt die heute sehr hohe Ablehnungsrate von deutlich mehr als 50 Prozent und die Zahl der Spenden erhöht sich. Denn wie Umfragen zeigen, sind bis zu 80 Prozent der Bevölkerung bereit, ihre Organe zu spenden.

All die erwähnten Punkte bedingen, dass alle Bewohner dieses Landes – nicht nur jene, die unsere Landessprachen beherrschen – regelmässig über die Widerspruchslösung informiert werden. Denn nur eine breite, stetige Aufklärung in Kombination mit der Einführung der Widerspruchslösung ermöglicht es, mehr Leben zu retten – und vielen Kindern, Erwachsenen und damit auch unzähligen Familien neue Hoffnung zu geben.

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