Leserbrief
Vergreifen wir uns nicht am Eigentum anderer

Zur Umtauschbarkeit von Schweizer Banknoten

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«Aus ander Leut’ Häut’ ist gut breit Riemen schneiden» – dieser sarkastische Spruch fällt mir ein, wenn ich an den Bericht dieser Zeitung anfangs Monat zur zeitlich beschränkten Umtauschbarkeit von ausgemusterten Schweizer Banknoten und den sich am 12. August zum 20. Mal jährenden Durchbruch beim Holocaust-Vergleich der Schweizer Banken mit den einschlägigen jüdischen Organisationen denke. Man ist es sich geradezu gewohnt, dass Politiker jedweder Couleur bei Rechnungsüberschüssen sofort umtriebig und kreativ nach Möglichkeiten suchen, um Geld überm (Wahl-)Volk warm regnen zu lassen.

Dass Überschüsse nichts anderes als zu viel bezahlte Steuern sind und folglich den Steuerzahlern zurückbezahlt gehören oder allenfalls zum Abbau von Schulden zu verwenden sind, auf den Gedanken kämen sie nicht im Entferntesten. Insofern kann es einen nicht wirklich wundern, dass sich Politiker desselben Schlages gegen den sehr brauchbaren Vorschlag des Bundesrats wehren, Banknoten zeitlich unbeschränkt zum Umtausch zuzulassen. Nachdem «gouverner» (regieren) auch «prévoir» (vorausschauen) bedeutet, tut das Parlament gut daran, dem Bundesrat mehrheitlich zu folgen, und zwar eingedenk einiger Fakten und schmerzlicher Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Angesichts wankender Banken, eines seine Nase stets tiefer in Privates steckenden Staates hier und anderswo, von Negativzinsen, der Reputation des Frankens und der Nationalbank, der weltweit werthaltigsten Banknoten, der Globalisierung und was der Gründe mehr sein mögen, hat sich der Notenumlauf seit 2008 von gut 40 auf 76 Milliarden Franken fast verdoppelt. Das lässt den Schluss zu, dass künftig noch höhere Beträge als die vermutete 1 Milliarde nicht fristgerecht umgetauscht werden. Und das soll die Schweiz dann einfach für sich behalten und dem Fonds für nicht versicherbare Naturereignisse zuschlagen? Dreister geht’s nimmer!

Banknoten, die Jahrzehnte nicht umgetauscht werden, sind nichts anderes als nachrichtenlose Vermögen, mit deren Umgang die Schweiz ja nun weiss Gott ihre Erfahrungen (gemacht) hat. Schweizer Banken wurden 1998 wegen solcher Vermögen gezwungen, 1,25 Milliarden Franken an Holocaust-Überlebende zu bezahlen. Soll 2048 die Nationalbank oder der Bund gezwungen werden, wenn sich zum Beispiel eine einflussreiche Stiftung, idealerweise aus den USA, daran erinnert, dass sie noch irgendwo 100 Millionen an Schweizer Banknoten der aktuellen und zirka 2020 auslaufenden Noten-Serie (die 2048 folglich wertlos sind) gebunkert hat, die 100 Millionen freiwillig rauszurücken beziehungsweise Sanktionen oder Ähnliches zu riskieren?

Und was ist dann mit den angenommen total 1 Milliarden betragenden und bis dahin auch nicht umgetauschten Noten, die von Privaten oder kleineren Institutionen nolens volens abzuschreiben waren und von ihnen in der Folge vernichtet wurden? In Zeiten von Transparenz, neuen Medien und Globalisierung ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass es sich die Schweiz schlicht gar nicht leisten kann, diesen uralten, fetten Zopf weiter zu flechten und zu pflegen – andere Länder oder der Euro-Verbund tun das auch nicht! Vergreifen wir uns also nicht am Eigentum anderer, das hat unser Land nicht nötig, was uns umso leichter fallen dürfte, als wir die Riemen auch ohne diesen Windfall-Profit bestimmt nicht enger schnallen müssen.

Werner Gerber, Allenwinden

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