Leserbrief
Gemeinsam statt Eigensinn

Zum Bürgerdienst

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«Wir sollten das Wir-Gefühl stärken und dem Trend zur Individualisierung etwas entgegenhalten.»

Diese Aussage stammt nicht von mir, sondern von Tibère Adler, dem Directeur romand von Avenir Suisse. Deren Bürgerdienst ist kein Saure-Gurken-Zeit-Spleen. Sondern ein überzeugendes Konzept für mehr Zusammenhalt.

Männer und Frauen zwischen 20 und 70 Jahren, auch niedergelassene Ausländerinnen und Ausländer, sollen ein Jahr ihres Lebens Dienst an der Gemeinschaft leisten. Wo und was genau wählen sie selber, ob Armee, Feuerwehr, Pflege, politisches Amt, landwirtschaftlicher oder Naturschutz-Einsatz.

Chapeau für die tolle Idee! Das nenne ich echten, sinnvollen Liberalismus. Was mich überzeugt: Erstens: Es entsteht auch ein Bürgerinnendienst, also Gleichberechtigung. Zweitens: Der Trend, gesellschaftliche Verantwortung an den Staat abzuwälzen, wird abgefedert. Drittens: Der Bürgerdienst fördert die Integration von Zugewanderten. Viertens: Die Betreuungs- und Pflegearbeit, die heute vor allem Frauen leisten, erhält eine höhere gesellschaftliche Anerkennung.

Was spricht dagegen? SVP-Nationalrat Adrian Amstutz macht sich Sorgen um den Wehrdienst und um die Geschlechterunterschiede.

Auch von linker Seite kommt die Befürchtung, ein solcher allgemeiner Dienst mache den beruflichen Pflegebereich oder die Freiwilligenarbeit kaputt.

Ich halte diese Ängste für unbegründet. In der Langzeitpflege mangelt es chronisch an Personal. Und von meiner Arbeit bei Benevol und anderen Vereinen weiss ich, wie schwierig es ist, Aktive zu gewinnen. Gemeinwohl-Engagement bringt einen übrigens auch individuell vorwärts. Ich wurde als Teenager Co-Präsidentin beim WWF. Das war eine Herausforderung, die meinen Weg in die Politik vorgespurt hat.

In unserer hochdynamischen Gesellschaft wirken starke Fliehkräfte. Im Auge des Sturms sollten wir dem bewährten Milizgedanken eine zukunftsträchtige Form verleihen. Die totale Verberuflichung des Politbetriebs passt nicht zur direktdemokratischen Schweiz. Und dass Verwaltungs- und Personalkosten für wohlfahrstaatliche Dienstleistungen laufend steigen, ist kein Naturgesetz.

Stattdessen sollten wir uns darauf besinnen, als Individuen und als Gesellschaft mehr Verantwortung zu übernehmen. Das ist sozial denken und wirtschaftlich handeln.

Barbara Gysel, Regierungsratskandidatin SP, Zug

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