#MaturTortur
Zug um Zug zum Erfolg

An der Kantonsschule Wohlen gibt es eine neue Trendsportart. Gefordert ist überlegtes Handeln, genaues Beobachten und Mut zum Risiko. Das Schach-Spiel.

Patrick Züst
Patrick Züst
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Schachbretter so weit das Auge reicht

Schachbretter so weit das Auge reicht

Thomas Ulrich und Tina Dauwalder

Es ist ein Kampf um Ruhm und Ehre – ein Kampf auf Leben und Tod. Wir spielen Schach. Und zwar spielen nicht nur die Intellektuellen, die Streber, die Nerds. Der schulinterne Schachwettstreit ist im wahrsten Sinne des Wortes klassenübergreifend.

Einer der besten Schachspieler der Schule ist Burak. An der Kanti ist er berühmt – in Wohlen sowieso. Der 22-jährige Türke ist das pure Gegenteil von einem typischen Gymnasiasten.

Auf den ersten Blick wirkt er wie eine Mischung aus amerikanischem Underground-Rapper und unerbittlichem Nachtclub-Türsteher. Nie würde man darauf kommen, dass sich hinter dem Muskelprotz ein Kantischüler verbirgt. Und erst recht kein Schachgenie. Burak und ich, wir kennen uns gut. In einer Mittagsstunde fordert er mich zum intellektuellen Duell.

Ich selbst bin kein guter Schachspieler, will mein Glück aber trotzdem versuchen. Er lässt mich beginnen. Schon bevor ich – ganz klassisch – meinen Königsbauern um zwei Felder vorsetze, weiss ich, dass ich keine Chance haben werde.

Mein Gegner spielt von Beginn weg selbstsicher und aggressiv. Mit seinen Läufern setzt er mich bereits nach wenigen Zügen unter Druck, zwingt mich, einen meiner Springer abzugeben. Unterdessen haben sich drei Kollegen zu uns gesellt.

Ich bin mir nicht sicher, ob sie nur auf das Schachbrett warten, oder viel eher live bei meiner Vernichtung dabei sein wollen. Figur um Figur muss ich abgeben. Nach gut fünf Minuten sehe ich dann meine erste Chance: Burak macht mit seinem Turm einen Rückzug – im Gegenzug hole ich mir seine Dame. Es keimt ein Schimmer von Hoffnung auf. Drei Züge später stehe ich Schachmatt.

Ich gebe Burak die Hand, gratuliere ihm zum guten Spiel. Danach mache mich auf den Weg in die Physikstunde. Die Niederlage nagt an mir. In der zweithintersten Reihe suche ich auf dem Handy nach den besten Schachlehrgängen im Internet.

Gute Schulnoten genügen an der Kantonsschule schon lange nicht mehr, um jemanden von seinem Intellekt zu überzeugen. Ein gutes Schachspiel jedoch erfüllt diesen Zweck. Die Niederlage gegen Burak will ich so nicht auf mir sitzen lassen. Ich habe einiges aufzuholen. Das Training beginnt.