Abtreibung
Zu Tode getrieben

Seit über Abtreibung diskutiert wird, ob in der Literatur, im Arztzimmer oder in Ethik-Vorlesungen, ob in den betroffenen Häusern oder in Kirchen: Niemand behauptete bis anhin ernsthaft, dass für Frauen eine Abtreibung kein existenzieller Notfall sei

Werner De Schepper
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Kerzen für die verstorbene Frau, der in Irland eine Abtreibung verweigert wurde

Kerzen für die verstorbene Frau, der in Irland eine Abtreibung verweigert wurde

Keystone

Das ist jetzt in der Schweiz anders. Die Abtreibungsgegner der Volksinitiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» sagen neu Folgendes: Es gibt Frauen, für die ist eine Abtreibung nichts anderes als schlechte Zähne (so sagt es zum Beispiel SVP-Nationalrat Peter Föhn). Diese Frauen sind laut dieser Argumentation halt so frei von Skrupeln, berechnend und auf Karriere aus, dass sie von Anfang Ihrer Empfänglichkeit an Kinder per Zusatzversicherung als Risiko abtreiben dürfen.

Das ist ethisch ein doppelt fragwürdiges Argument. Erstens sagt es, Abtreibung sei moralisch verwerflich - und deshalb könne man es niemandem in der Grundversicherung zumuten, dafür zu zahlen. Zweitens sagt es, wer aber das Geld dazu habe und sowieso keine Moral, der könne solch verwerfliches Tun ja privat wie Karies versichern. Diese Argumentation ist auch für Abtreibungsgegner pervers: Denn es erlaubt und bezahlt Abtreibung nur als etwas vorsätzlich Geplantes. Frauen hingegen, die nicht im Traum an so was dachten und deshalb nur die Grundversicherung haben, bekommen nichts bezahlt und werden Kurpfuschern in die Hände getrieben.

Keine Frau treibt leichtfertig ab. Jede Abtreibung ist eine existenzielle Frage. Das sollte auch in der anstehenden Abstimmungsdebatte zentral stehen. Sonst wird der humanitäre Konsens zu Tode getrieben.