Wochenkommentar
Wie viel «Güllen» steckt in Basel?

Sie ist Weltliteratur aus der Schweiz, Dürrenmatts groteske Geschichte von der alten Dame, die zurückkehrt nach Güllen und den verarmten Bürgern ihres Geburtsorts eine Milliarde für den Mord an ihrem ehemaligen Geliebten anbietet.

Matthias Zehnder
Matthias Zehnder
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Sie ist Weltliteratur aus der Schweiz, Dürrenmatts groteske Geschichte von der alten Dame, die zurückkehrt nach Güllen und den verarmten Bürgern ihres Geburtsorts eine Milliarde für den Mord an ihrem ehemaligen Geliebten anbietet. Das würden wir doch nie machen, auch nicht für eine Milliarde. Oder?

Sie ist Weltliteratur aus der Schweiz, Dürrenmatts groteske Geschichte von der alten Dame, die zurückkehrt nach Güllen und den verarmten Bürgern ihres Geburtsorts eine Milliarde für den Mord an ihrem ehemaligen Geliebten anbietet. Das würden wir doch nie machen, auch nicht für eine Milliarde. Oder?

Keystone

Ein Reiz der Geschichte ist das ungeheuerliche Angebot – ein weiterer das wohlige Gefühl, moralisch diesen Güllenern weit überlegen zu sein. Das würden wir doch nie machen, auch nicht für eine Milliarde. Unsere Städte und Gemeinwesen sind nicht käuflich, unsere Bevölkerung kriecht einem Milliardär nicht so einfach auf den Leim, oder?

Natürlich bringen wir nicht gerade einen Kaufmann um

Schon Dürrenmatt selbst schrieb in den Anmerkungen zur «Alten Dame», das Stück sei «geschrieben von einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde». Und natürlich ist auch längst bewiesen, dass wir alle nichts anderes sind als Güllener. Natürlich bringen wir nicht grad einen alten Kaufmann um und es geht auch nicht um eine Milliarde für ein Dorf. Aber zum Beispiel um die Umwelt und um Arbeitsplätze. Aktuelles Beispiel ist das AKW Fessenheim. In letzter Zeit macht es immer wieder von sich reden, weil es nach Störfällen abgeschaltet werden muss. Trotzdem wehrt sich die Gemeinde Fessenheim gegen eine Abschaltung, weil sie die Arbeitsplätze im AKW erhalten will.

Generell haben es Anliegen schwer, die den Interessen der Wirtschaft widersprechen. Die Zweitwohnungsinitiative zum Beispiel wurde auch so widerstrebend umgesetzt, weil sich die Bauindustrie vehement dagegen zur Wehr setzte. Dass die Anliegen der Wirtschaft eine hohe Priorität geniessen, dagegen hat wohl niemand etwas. Schliesslich leben wir alle von einer gesunden Wirtschaft. Das Problem ist, dass das Denken aussetzt, wenn zum Beispiel Arbeitsplätze ins Spiel kommen. Dürrenmatt nennt das Käuflichkeit. Die kanadische Autorin Naomi Klein geht noch einen Schritt weiter. Dieser Tage ist ihr neues Buch auf Deutsch erschienen: «Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima». Naomi Klein kritisiert darin, dass der weltweite Wirtschaftsaufschwung, wie er seit dem Fall der Berliner Mauer stattgefunden hat, den Menschen immer mehr auf den Konsumenten reduziert. Andere Anliegen als die der Wirtschaft fänden kaum mehr Gehör. Fatal ist das laut Klein vor allem, wenn es ums Klima geht: Arbeitsplätze haben immer Vorrang vor Gletschern, dem Meeresspiegel und der Luftqualität.

So gesehen ist die Sicht Gleichung «Publikum = Güllener» in Dürrenmatts groteskem Theaterstück so naheliegend wie banal. Doch die Inszenierung am Theater Basel dreht das Stück einen entscheidenden Tick weiter: Die alte Dame kommt gar nicht erst auf die Bühne. Ihre Texte werden aus dem Off gesprochen, sie wird durch eine Fernsehkamera vertreten, deren Bilder auf grosse Leinwände projiziert werden. So sitzen wir im Publikum und sehen auf den Leinwänden aus der Perspektive der alten Dame, wie die Güllener Bücklinge machen. Damit werden wir im Publikum zur alten Dame – und damit vom Bestochenen zum Bestecher.

Es ist das Geld, das wir in die Läden tragen

Es ist dieser Dreh, der dem fast 60 Jahre alten Stück von Dürrenmatt eine neue Aktualität gibt, die unter die Haut geht. Wir können uns nicht bequem in die Opferrolle der Bevölkerung zurückziehen oder in der behaupteten Gewissheit suhlen, dass wir der Bestechung nicht erlegen wären. In der Rolle der alten Dame übernimmt das Publikum die Verantwortung. Und wo bitteschön sind wir so wichtig, dass wir die Bestechenden sind? Die Antwort ist einfach: in unserer Rolle als Konsumenten. Es ist das Geld, das wir in die Läden tragen, das die Welt regiert. Ob Bio oder Massentierhaltung, ob Fairtrade oder Billiglohn, ob Atomstrom oder Wasserkraft – der Kunde ist die alte Dame. Wie viel Güllen in Basel steckt, hängt deshalb an jedem Einzelnen von uns.

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