Per Autostopp um die Welt (70)
Wenn sich Ureinwohner integrieren müssen: „Einige bezeichnen mich als Apfel – aussen rot, innen weiss.“

Diese Woche reist Thomas Schlittler von Dawson Creek nach Lake Louise. Auf dieser Etappe durch Kanada wird er von Charles, einem 40-jährigen Aboriginal, begleitet. Mit ihm diskutiert er über die Frage: Wie integriert man sich als Aboriginal ins weisse, industrialisierte Kanada – ohne seine Wurzeln zu verlieren?

Thomas Schlittler
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Per Autostopp um die Welt (70)
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Von Grande Prairie nach Seba Beach: Mit Nolan dreht sich das Gespräch dann einmal mehr um das Thema Religion – er arbeitet für ein christliches College.
Von Seba Beach nach Tomahawk: Als mich Jake auflädt, ist es bereits dunkel. Normalerweise stöpple ich nicht nach Sonnenuntergang. Doch mein Ziel ist ganz nah ...
Tessa und Bruno! Ich habe die beiden 2008 kennengelernt, als ich schon einmal per Anhalter in Kanada unterwegs war ...
Mittlerweile wohnen die beiden in einem Dörfchen namens Tomahawk, eine Stunde westlich von Edmonton. Dort haben sie die Farm von Brunos Eltern übernommen.
Brunos Eltern sind Schweizer. Sie sind vom schönen Toggenburg aber noch vor Brunos Geburt nach Kanada ausgewandert. Die Welt ist klein!
Von Tomahawk nach Rocky Mountain House: Nach 4 Tagen bei Bruno & Tessa bringt mich der Dorfpfarrer von Tomahawk 130 km weiter südlich. Ohne dass er selbst dahin müsste.
Von Rocky Mountain House nach Hoodoo Creek: Diese junge Frau ist sehr scheu – obwohl sie Star heisst. Sie setzt mich um 16.30 Uhr an einer Kreuzung im Nirgendwo ab.
Dort warte ich bis Sonnenuntergang vergeblich auf ein Auto, das mich mitnimmt. Ich schlage deshalb ein paar Meter von der Strasse entfernt mein Nachtlager auf.
Von Hoodoo Creek nach Lake Louise: Am nächsten Morgen brauche ich dann erneut Geduld – bis mich dieser nette Herr endlich erlöst.
Wie so oft nach einer Durststrecke kommt es danach aber besonders gut: Ich kann bis in die Rocky Mountains mitfahren, genauer gesagt bis nach Lake Louise.

Per Autostopp um die Welt (70)

Thomas Schlittler

Das Symbol Kanadas kennt jedes Kind: Ein rotes Ahornblatt auf weissem Grund. Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Es waren schliesslich die (weissen) Europäer, die sich auf dem Boden der (roten) Ureinwohner ihr Kanada eingerichtet haben. Noch passender wäre es gar, wenn die beiden Farben durch einen dicken schwarzen Strich voneinander getrennt wären. Denn es gibt nach wie vor einen grossen Graben zwischen den weissen Kanadiern und den 1,4 Millionen Aboriginals im Land. Selbst für mich als Reisenden sind die Probleme unübersehbar:
Es sind zu drei Vierteln Aboriginals, die in Prince Rupert am helllichten Tag im Casino sitzen. Es sind vergewaltigte oder gar ermordete Aboriginal-Frauen, durch die der „Highway of Tears“ („Highway der Tränen“) seinen traurigen Namen erhalten hat. Es sind immer Aboriginals, die mich in Whitehorse fragen, ob sie eine Zigarette haben können oder ich ihnen ein Bier ausgebe. Und es ist ein Aboriginal, der auf dem Weg Richtung Edmonton fast auf die Autobahn fällt, weil er sturzbetrunken ist.
Wenn ich weisse Kanadier auf die Probleme mit den Ureinwohnern anspreche, versuchen diese oft zu relativieren: In Yukon sagen mir viele, dass das Zusammenleben hier im Norden besser funktioniere als im Süden des Landes. Gerne wird auf die Privilegien hingewiesen, welche die Aboriginals geniessen, dass sie sich zum Beispiel nicht an die Jagdvorschriften halten müssen und von den Steuern befreit sind, wenn sie im Reservat leben. Auch die Entschädigungs- und Unterstützungszahlungen, welche die kanadische Regierung den Aboriginals Jahr für Jahr zukommen lässt, bleiben nicht unerwähnt. Der Tenor ist klar: „Was sollen wir denn sonst noch tun?!“
Ist vielleicht Rassismus die Ursache dafür, dass überproportional viele Ureinwohner arbeitslos, alkohol- und drogenabhängig sind? Meine weissen Fahrer verneinen. Und ich glaube ihnen, wenn sie sagen: „Ich habe kein Problem mit Aboriginals – wenn sie arbeiten und ein anständiges Leben führen.“
Es ist praktisch die gleiche Aussage, die in der Schweiz gerne in Bezug auf Zuwanderer gemacht wird: „Ich habe kein Problem mit Ausländern – wenn sie sich integrieren!“ Gegen dieses Credo ist nichts einzuwenden. Das Problem ist nur, dass unter Integration jeder etwas anderes versteht:
Einigen genügt es, wenn die Zugewanderten arbeiten und sich ans Gesetz halten. Andere erwarten, dass sie sich gleich kleiden wie die Einheimischen, immer und überall die Landessprache sprechen sowie keinen BMW fahren. Und dann gibt es jene, die Ausländer höchstens dann akzeptieren, wenn sie ihre bisherige Kultur komplett aufgeben und in den örtlichen Jodlerverein oder Schwingerclub eintreten.Anpassung und Integration ist also immer ein schwieriges Thema. Wenn es um Aboriginals geht, wird es aber besonders kompliziert. Denn seit wann müssen sich jene, die zuerst an einem Ort waren, der Lebensweise der Neuankömmlinge anpassen?
Die Ureinwohner Kanadas können nicht mehr als Nomaden durchs Land ziehen und sich selbst versorgen. Sie gehen zwar nach wie vor auf die Jagd, allerdings nicht mehr auf Pferden mit Pfeil und Bogen, sondern in Jeeps und mit Präzisionsgewehren. Damit sie sich diese Dinge leisten können, müssen sie logischerweise einen Überschuss erwirtschaften beziehungsweise Geld verdienen. Es stellt sich deshalb die Frage: Wie integriert man sich als Aboriginal ins weisse, industrialisierte Kanada – ohne seine Wurzeln zu verlieren?
Diese Frage beschäftigt Charles bis heute. Er ist geschätzte 40 Jahre alt und fährt mich von Dawson Creek ins 130 Kilometer entfernte Grande Prairie, um seine Tochter von der Schule abzuholen. Charles ist Aboriginal, arbeitet als Mechaniker und bezeichnet sich als voll integriert in die (weisse) kanadische Gesellschaft. Das gefällt nicht allen: „Einige Leute von meinem Stamm bezeichnen mich als Apfel – aussen rot, innen weiss.“

Charles kann mit solchen Anfeindungen leben. Er ist stolz darauf, dass er selbst für sich sorgen kann und nicht wie andere seines Stammes von den Almosen des Staates abhängig ist: „Für mich zählt nur, dass ich meiner Tochter ein guter Vater bin und dass ich ihr ein sorgenfreies Leben ermöglichen kann.“ Trotzdem bleibt seine Herkunft ein Thema für ihn: „Ich will nicht, dass die Kultur meines Stammes in Vergessenheit gerät.“
Es gibt kein einfaches Rezept, um den Graben zwischen dem weissen und dem roten Kanada zuzuschütten. Vielleicht würde es den Aboriginals aber helfen, wenn mehr weisse Kanadier versuchen würden zu verstehen, mit welchen Schwierigkeiten es verbunden ist, den Balanceakt zu schaffen zwischen der Bewahrung der eigenen Kultur und einem Leben in der Moderne.