Pizza-Tour
Wenn sich der Hund in den Schwanz beisst

Das Rad der Zeit dreht sich langsam, hier in Apulien. Die Industrie wandert langsam ab. Die Landwirtschaft modernisiert sich langsam. Der Tourismus nimmt langsam zu. Im Kleinen verändert sich viel – im Grossen wenig. Weshalb?

Martin Gysi
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FT9-Sonnenuntergang

FT9-Sonnenuntergang

Martin Gysi

Donnerstag, 5. Juli. Es sind gut 30 Jahre her, seit wir zum ersten Mal hier in Torre Lapillo am Strand lagen. Mit mehrjährigen Pausen waren wir in der Zwischenzeit immer wieder hier. Was hat sich im Laufe der Jahre verändert? Die paar wenigen touristischen Hot-Spots wie Alberobello, Lecce und Gallipoli wurden noch etwas touristischer. An den wunderschönen Stränden mit glasklarem Wasser kamen etliche Ferienhäuschen, einige Lidos und wenige Hotels und Feriendörfer hinzu. Die italienischen Autofahrer hupen nicht mehr. Im Landesinnern wurden ein paar Felder mit den altertümlichen Stockreben gerodet und durch Solarfarmen ersetzt. Aber sonst? Die alten Strassen noch, die alten Häuser noch...

Dass die Industrie in diesem südöstlichsten Zipfel Italiens eher desinvestiert, ist mindestens zum Teil nachvollziehbar. An qualifizierten Arbeitskräften mangelt es zwar kaum, aber das Lohngefälle ist wohl zu klein, um die geographischen und strukturellen Nachteile zu kompensieren.

Reichlich Wachstumspotenzial vorhanden

Das grösste Wachstumspotenzial hätte zweifellos die Tourismusindustrie. Die Gegend strotzt buchstäblich vor landschaftlicher Schönheit und Zeugnissen des überreichen kulturellen Erbes. Fast jedes der Landstädtchen hat sein Centro Storico, in dem mesapische, etruskische, griechische, osmanische, römische und/oder mittelalterliche Hinterlassenschaften zu besichtigen sind. Tolle Weine und hervorragendes Essen tragen weiter zur Attraktivität als Reiseziel bei.

Die Tourismusbranche hat hier aber nur zwei bescheidene Standbeine, die beide nicht sehr nachhaltig sind. Zum einen die genannten, auch international bekannten Tourismusziele, die vorwiegend von Gruppen-Busreisen abgegrast werden und deshalb nur bescheiden Arbeitsplätze und nennenswerte Umsätze bringen. Zum andern ist es ein auf den regionalen Markt ausgerichtetes Strandferienangebot mit sehr kurzer Saison von Mitte Juni bis Mitte September.

Es fehlt die Initialzündung

Das Potenzial ist gross, doch das Wachstum klein. Vor allem die Gäste aus dem Ausland fehlen. Weshalb? Apulien ist weit. Die wenigen internationalen Flugverbindungen ersetzen von der Kapazität her gerade mal die eingestellten Auto- und Nachtzüge. Zudem ist der ÖV innerhalb Apuliens sehr, sehr marginal. Solange die Verkehrsinfrastruktur fehlt, kommen keine Touristen. Solange die internationalen Touristen nicht kommen, lohnt sich der Ausbau des ÖV nicht.

Die Informationstafeln bei den Sehenswürdigkeiten und die Speisekarten in den Restaurants sind meistens ausschliesslich italienisch. Solange die internationalen Touristen nicht kommen....

Die durchwegs sehr fachkundigen Führer - vielfach promovierte Historiker - können kaum Fremdsprachen. Solange...

Die reichlich vorhandene Parahotellerie ist auf die Einheimischen aus der Gegend ausgerichtet. Die Ferienhäuser werden ohne Bett- und Frottierwäsche vermietet und sind mehrheitlich weder über Agenturen noch online verfügbar. Solange...

Wann reagiert die Politik?

Wie kann Apulien aus dieser Schwanzbeissersituation ausbrechen? Bereits vorhanden wären nicht nur die attraktiven Ferienziele sondern auch genügend junge, gut ausgebildete Menschen, die dankbar wären, hier in ihrer Heimat eine Chance zu kriegen. Was aber fehlt, sind politische Entscheide: Ausbau der Infrastruktur, auf nachhaltigen Tourismus ausgerichtete Erschliessungs- und Entwicklungskonzepte, internationales Marketing und einiges mehr - das sind alles Aufgaben, die nur auf nationaler und regionaler Ebene gelöst werden können.

Das kann dauern. Schlecht für Apulien. Gut für uns. Wir kommen hierher, weil wir hier ein liebenswertes, interessantes und ursprüngliches Italien abseits des «Rimini-Tourismus» vorfinden. Zugegeben: Diese Ansicht ist egoistisch.

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