Umfragen sagen Erdrutschsieg für Joe Biden voraus, aber: Was ist, wenn wieder alle falsch liegen?

Die Parteitage von Demokraten und Republikanern spielten sich in zwei komplett unterschiedlichen Universen ab. Fast alles spricht gegen Donald Trump und für Joe Biden. Doch zwei Dinge könnten die vermeintlich so klare Sache noch umdrehen. Der Wochenkommentar.

Patrik Müller
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Der Rückstand von Donald Trump (l.) auf Joe Biden beträgt im Durchschnitt aller Umfragen 8 Prozentpunkte - deutlich mehr als 2016 auf Hillary Clinton.

Der Rückstand von Donald Trump (l.) auf Joe Biden beträgt im Durchschnitt aller Umfragen 8 Prozentpunkte - deutlich mehr als 2016 auf Hillary Clinton.

AP
Chefredaktor Patrik Müller verbrachte 2018 ein halbes Jahr in den USA, in der Demokraten-Hochburg Boston an der Ostküste.

Chefredaktor Patrik Müller verbrachte 2018 ein halbes Jahr in den USA, in der Demokraten-Hochburg Boston an der Ostküste.

Sandra Ardizzone / INL

Amerika erlebt einen virtuellen Wahlkampf, und der führt zur eigentümlichen Situation, dass man als Schweizer genauso nah dran ist wie die US-Stimmbürger. Ob in Altdorf und Zurzach oder in Atlanta und Washington – einerlei, von wo aus man das Spektakel der Parteikonvente verfolgt. Youtube und die sozialen Medien kennen keine Grenzen.

Die Welt als globales Dorf: Dieses Bild ist eigentlich aus der Zeit gefallen, denn es stammt aus der Hochkonjunktur der Globalisierung, die Trump zurückgedrängt hat. Und doch stimmt es hier. Biden oder Trump? Darüber wird auf der ganzen Welt gesprochen, auch bei uns, vielleicht sogar intensiver als über manche eidgenössische Abstimmung. Und die Frage ist für unser Land letztlich auch wichtiger als jene, ob beim revidierten Jagdgesetz ein Ja oder Nein herauskommt. Dass Amerikas Probleme die Schweiz bewegen, haben jüngst die Black-­Lives-Matter-Demonstrationen gezeigt. Es waren die grössten Kundgebungen dieses Jahr.

Wie Trump republikanische Politiker von sich abhängig macht

Wer sich das virtuelle Spektakel zu Gemüte führt, ist erst einmal froh, dass die Schweiz kein Zwei-Parteien-­System kennt. Die Polarisierung der USA, die Spaltung in Trump-Repu­blikaner und immer linkere Demo­kraten, ist sogar über Youtube greifbar. Republikaner und Demokraten leben in zwei verschiedenen Universen, mehr noch als 2016.

Noch nie war ein republikanischer Präsident bei der eigenen Partei so beliebt wie er – und noch nie so ­unbeliebt bei der gegnerischen Partei. Der Parteikonvent war ein einziger Trump-Kult. Nur Familienangehörige und andere 100-prozentige Loya­listen traten auf. Üblicherweise ist Ex-Präsidenten die Bühne garantiert (und bei den Demokraten war es auch so: Barack Obama und Bill Clinton hielten Reden).

Doch George W. Bush, der letzten republikanische Präsident, bekam keine Einladung, und sein Aussenminister Colin Powell sprach gar am Demokraten-Konvent.Republikaner, die sich nicht als Trumpisten verstehen, sind eine aussterbende Spezies. Der Präsident hat die Partei gekapert. Seine Tweets und seine Popularität bei der Basis verleihen ihm in der Partei fast grenzenlose Macht. Am 3. November wird ja nicht nur der Präsident gewählt, sondern auch der Senat und das Repräsentantenhaus. Kein Kandidat kann es sich leisten, sich mit Trump anzulegen, sonst wird er in den sozialen Medien umgehend hingerichtet.

Bruch mit der neoliberalen Politik von Ronald Reagan

Vier Jahre reichten Trump, um seine Partei fundamental zu verändern – so stark wie kein Republikaner mehr seit Ronald Reagan, wie das konservative Leitmedium «Wall Street Journal» befand. Reagan, der von 1981 bis 1989 regierte, erfand den «neoliberalen Raubtierkapitalismus» (Jean Ziegler). Trump gibt als Präsident vor, mit «America First», Zöllen und dem Kampf gegen China den kleinen Mann vor der Globalisierung zu ­schützen. Mit dem Resultat, dass die Republikaner, einst die «Bonzen-Partei», bei schlecht Ausgebildeten und Kleinverdienern die klare Nummer 1 geworden sind.

Die Stolpersteine von Joe Biden

Ein Erfolgsrezept, das Trumps Erben wohl weiterführen werden. Selbst wenn er abgewählt wird. Und auf eine Abwahl deuten alle Umfragen hin. Gewiss, Umfragen können ein falsches Bild abgeben. Aber diesmal ist Trumps Rückstand auf Joe Biden viel deutlicher als 2016 auf Hillary Clinton – vor allem seit Corona. Hier hat Trumps Regierung vor den Augen aller versagt.

Und doch: Das Rennen ist noch nicht gelaufen. Die TV-Duelle gegen Biden stehen noch bevor; dort kann der 77-Jährige nicht vom Teleprompter ablesen, und seine Fehltritte bei Liveauftritten sind berüchtigt. Zudem wird Trump alles daransetzen, noch vor den Wahlen einen Covid-­Impfstoff zu präsentieren.

Was, wenn Trump wider Erwarten auch diesmal gewinnt – in dieser vermeintlich aussichtslosen Lage? Die Schmach für das politische und mediale Establishment und die Erschütterungen über Amerika hinaus wären noch grösser als 2016. Und vor allem: Nach einem solchen Triumph würden Trumps letzte Hemmungen fallen, dann wäre das «stabile Genie» (Eigenbeschreibung) zu allem fähig. Wer könnte ihn dann noch bremsen?