Schliessung
Was ist das Kunstmuseum ohne das Museum?

Schliesst das Kunstmuseum Basel im Februar 2015, so verschwindet die ganze Sammlung für ein Jahr in der Versenkung. Die Kunstwerke werden teilweise in andere Museen ausgelagert. Doch was ist das Kunstmuseum ohne das Museum?

Matthias Zehnder
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«Der Leichnam Christi im Grabe» von Hans Holbein dem Jüngeren (1521–1522), Öl auf Lindenholz, Amerbach Kabinett 1662. (Ausschnitt)

«Der Leichnam Christi im Grabe» von Hans Holbein dem Jüngeren (1521–1522), Öl auf Lindenholz, Amerbach Kabinett 1662. (Ausschnitt)

Kunstmuseum Basel

Was ist das Kunstmuseum? Blöde Frage, sagen Sie. Natürlich das Haus am Sankt Alban-Graben 16, der grosse Bau aus dem Jahr 1936. Sicher? Denken wir uns das grosse Haus einmal leer. Keine Bilder an den Wänden, keine Skulpturen in den Hallen, keinen Museumsshop, kein Café. Denken wir uns also den nackten Bau. Ist das das Kunstmuseum Basel?

Sicher nicht. So wenig, wie die gleichnamige Haltestelle vor der Tür. Das Kunstmuseum, das sind Bilder, die Sammlung, eine Ausstellung. Bezeichnend: Auf seiner Homepage zeigt das Kunstmuseum kein Foto des Hauses, sondern ein Bild, das aktuell im Museum zu sehen ist. Im Moment ist das «Chartres» von Barnett Newman. Die Backsteine haben mit den Bildern so viel zu tun wie die Mauern in einer Kirche mit dem Heiligen Geist. Oder das Papier in einem Buch mit dem Romanhelden.

Was ist ein Buch, wenn man das Buch weglässt? Anders gefragt: Sterben Odysseus und Old Shatterhand, Faust und Stiller mit dem Papier? Sicher nicht. Odysseus segelte in den Geschichten durch die Ägäis, lange bevor seine Heldentaten auf Papier festgehalten wurden. Old Shatterhand und Faust und Stiller brauchten das Buch, aber sie gehen nicht mit ihm in die ewigen Jagdgründe.

Und das Kunstmuseum? Was bleibt vom Kunstmuseum, wenn man ihm die Backsteine wegnimmt? Holbein, Böcklin, Hodler, Picasso. Bilder und Ideen. 2015 schliesst das Kunstmuseum für ein Jahr. Wäre diese Zeit nicht die Chance, auszuprobieren, was das Kunstmuseum ohne Museum ist?

2015 geht das Kunstmuseum fremd: Moderne Teile der Sammlung sind im Museum für Gegenwartskunst zu sehen, alte Meister im Museum für Kulturen. Die Bilder wechseln damit von einem Museumstempel in einen anderen, sie bleiben aber hinter hohen Mauern. Wäre das Jahr 2015 nicht die Chance, die Bilder aus dem Museumsbau herauszuholen und in Basel mit den Bildern für das Museum zu werben?

Ja, ich weiss. Es gibt tausend Einwände. Die Bilder sind zu kostbar, sie benötigen bestimmte klimatische Bedingungen, ihre Sicherheit lässt sich nur in einem Museum garantieren. Das alles ist teuer, die Versicherung verschlingt Unsummen, es ist nicht machbar. Ach diese Einwände.

Kennen Sie die Métrostation Louvre Rivoli in Paris? Wer da mit der Métro einfährt, hat das Gefühl, er fährt im Louvre ein. Bilder und Skulpturen (natürlich Kopien) zieren Mauernischen, spezielles Licht glänzt, das Museum hat die Metrostation erobert. Genau das wünsche ich mir vom Kunstmuseum: Es möge 2015 mit seinen Bildern Basel erobern. Natürlich kann Bernhard Mendes Bürgi am Barfüsserplatz kein Bild von Böcklin aufhängen. Aber vielleicht 200 Reproduktionen in 200 Schaufenstern. Oder wie wäre es mit Gemäldeprojektionen auf die Fassade des Stadtcasinos? Ein Holbein-Bild auf dem Vorhang im Theater Basel? Eine Konzertreihe mit passenden Bildern in der Martinskirche? Oder in der Kaserne? Hodler im Tram? Picasso im Bus? Böcklin in der Beiz? Beuys im Bahnhof?

Der Museumsbau ist nur die Hülle des Kunstmuseums. Das Eigentliche sind die Kunstwerke. Das Kunstmuseum sollte die Schliessung des Hauses für ein Jahr nicht als Problem, sondern als Chance verstehen, als Befreiung der Bilder. Hamlet ohne Buch ist Theater. Kunst ohne Museum ist - Leben.