Kommentar
Warum wir lieber Tsunami-Opfern spenden

Vor zehn Jahren bescherte der Tsunami mit 230000 Toten der Glückskette auch einen neuen Spendenrekord. Doch wieso spenden wir eher Tsunami-Überlebenden als Flüchtlingen aus Syrien?

Daniel Fuchs
Daniel Fuchs
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Eine Frau blickt nach dem Tsunami vom 11. März 2011 auf Onagawa

Eine Frau blickt nach dem Tsunami vom 11. März 2011 auf Onagawa

Keystone

Wer erinnert sich nicht an die Tsunami-Katastrophe vor 10 Jahren? Tief hat sich das Grauen in unserem Gedächtnis festgesetzt: Menschen, die sich verzweifelt an Baumstämmen hielten, ehe sie für immer im Wasser verschwanden. Die Bilder haben für eine nie da gewesene Spendierfreudigkeit gesorgt. 230'000 Tote und 1,7 Millionen Vertriebene bescherten allein der Glückskette 227 Millionen Franken.

Weihnachtszeit gleich Spendezeit: Das Hauptaugenmerk heuer richtet sich auf die Flüchtlingskatastrophen in Nahost. Vor allem wegen des Syrienkriegs. 200'000 Tote und über 10 Millionen Syrer auf der Flucht. Und die Spenden? Bei der Glückskette lagen sie zuletzt bei 18,5 Millionen Franken. Nach dem Tsunami zogen wir die dickeren Spendierhosen an. Wie lässt sich das erklären? Bei Naturkatastrophen kommt das Unmittelbare, Plötzliche ins Spiel. Die hohe Kameradichte in den Touristendestinationen Südostasiens sorgte dafür, dass die Bilder sofort um die Welt gingen. Zur falschen Zeit am falschen Ort – jeder könnte am Stephanstag 2004 an einem Strand Südthailands gelegen haben. Wer aber war schon in Syrien?

Das Unmittelbare täuscht nicht darüber hinweg, dass wir den Syrern mit Skepsis begegnen. Sind es nicht die islamischen Gesellschaften selber, die Tyrannen hervorbringen wie einen Assad, einen Mubarak oder einen Saddam? Fälschlicherweise: Alle wurden sie vom Westen – und wir sind Teil davon – protegiert. Die syrische Bevölkerung kann genau so wenig für den Krieg wie die Thais, denen der Tsunami die Häuser zerstört hat.