Basel
Warum Bildung mehr ist als nur Wissen

Diese Woche hat sich die Schweiz über gute Pisa-Resultate gefreut. 11 000 Schüler sind dafür getestet worden. In der Nordwestschweiz gehen die Schulen mit Tests noch weiter: Im Unterschied zu Pisa werden hier flächendeckend alle Schüler getestet.

Matthias Zehnder
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Schüler nicht mit Wissen «abfüllen» sondern zum Denken anregen (Symbolbild)

Schüler nicht mit Wissen «abfüllen» sondern zum Denken anregen (Symbolbild)

Keystone

Gegen solche Tests wehrt sich der Lehrerverband LCH, weil sich daraus Ranglisten erstellen lassen. Ranglisten von Schulhäusern, vielleicht sogar von Schulklassen und damit von Lehrern. Das Erziehungsdepartement beruhigt: Das Basler Schulgesetz verbietet ausdrücklich, dass solche Daten veröffentlich werden dürfen.

Doch warum eigentlich? Schüler werden ständig benotet – warum nicht auch die Lehrer? Warum soll nicht festgestellt werden, welche Klasse die Beste ist? Eine solche Rangliste könnte positive Effekte auf die Schule haben. Die Lehrer wären nicht mehr Richter, die mit ihren Noten über das Schicksal der Schüler befinden, sie müssten zum Coach werden, zum persönlichen Lerntrainer, der den Schülern hilft, möglichst gute Ergebnisse zu erzielen. Klingt attraktiv, ist aber natürlich Blödsinn. Denn die Qualität der Bildung lässt sich nicht in Ranglisten ausdrücken, weil Bildung, wie Hans Blumenberg es ausdrückte, nicht Arsenal ist, sondern Horizont. Bildung lässt sich nicht inventarisieren. Der Bestseller von Dietrich Schwanitz «Bildung: Alles, was man wissen muss» war in erster Linie bloss das: ein Bestseller und kein Bildungsprogramm. Das gilt besonders in einer Zeit, in der das Wissen der Welt jederzeit auf Knopfdruck abrufbar ist.

Bildung als Horizont was könnte das sein? Robert Spaemann hat den gebildeten Menschen in zehn Punkten definiert. Ich greife drei Punkte heraus.

Erstens: Der gebildete Mensch weiss nicht einfach Dinge. Was er weiss, hängt miteinander zusammen. Und wo es nicht zusammenhängt, da versucht er, einen Zusammenhang herzustellen. Etwas, das in einer in Einzelfächer aufgelösten Schule von vorneherein schwierig zu gestalten ist.

Zweitens: Der gebildete Mensch zeichnet sich aus durch Genussfähigkeit und Konsumdistanz. Er kann sich also daran erfreuen, was die Welt bietet, gerade deshalb braucht er aber nicht viel davon. Ein Punkt, der in einer auf Konsum fokussierten Welt schwierig umzusetzen ist – gerade auch im Umgang mit den digitalen Medien.

Und drittens: Der gebildete Mensch kann werten, die Werturteile sind aber mehr als blosser Ausdruck von Befindlichkeit. Standpunkte sind also das Gegenteil von Betroffenheitsblabla auf Facebook. So verstandene Bildung kommt nicht ohne abfragbares Wissen aus, lässt sich aber nicht darauf reduzieren. Bildung ist, um mit Konrad Paul Liessmann zu sprechen, verstehen wollen.

Das Wissen, das Pisa in Checklisten abfragt, ist für Bildung höchstens, was Schuhe für den Wanderer sind. Denn in der Formel «verstehen wollen» steckt nicht nur «verstehen», es steckt auch «wollen». Bildung setzt deshalb Lehrer voraus, die ihre Schüler nicht abfüllen, sondern wecken. Und das lässt sich definitiv nicht messen.