#Maturtortur
Volljährig aber nicht vollwertig

Das erste Mal Alkohol kaufen ohne den Ausweis zeigen zu müssen ist für Patrick Züst ein Meilenstein auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Nun ist ihm dies auch gelungen, allerdings nicht wegen seines reifen Aussehens.

Patrick Züst
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Ohne den Ausweis vorzuweisen einen Whisky kaufen? Für Patrick Züst kein Problem. (Symbolbild)

Ohne den Ausweis vorzuweisen einen Whisky kaufen? Für Patrick Züst kein Problem. (Symbolbild)

Keystone

Wenn man seine Volljährigkeit erreicht hat, fühlt man sich nicht automatisch auch erwachsen. Auch nicht, wenn man seine erste Steuererklärung ausgefüllt hat, oder wenn man von zu Hause ausgezogen ist. Wirklich erwachsen fühlt man sich erst, wenn man im Supermarkt Alkohol kaufen kann, ohne dabei seinen Ausweis zeigen zu müssen. Es ist ein Ritterschlag, mit welchem man definitiv in die Erwachsenenwelt aufgenommen wird. Ein Barometer, das einem zeigt, ob man die Metamorphose vom überentwickelten Kind zum unterentwickelten Erwachsenen bereits erfolgreich durchlaufen hat. Am vergangenen Wochenende war es auch bei mir so weit. Zumindest fast.

Ich stelle den Whiskey auf das Band. Es soll ein Geschenk sein. Das Portemonnaie habe ich gezückt, die ID griffbereit. Für mein Alter sehe ich eher jung aus – natürlich werde ich meine Volljährigkeit belegen müssen. Aber die Kassiererin will keinen Ausweis sehen. Sie lacht mich an und wünscht mir einen schönen Tag. Ich bin verwirrt. Kurz darauf aber realisiere ich, was das bedeutet: scheinbar sieht man mir die Volljährigkeit endlich an. Scheinbar bin auch ich endlich ein vollwertiger Erwachsener. Ich bin stolz! Trotzdem nimmt es mich wunder, wie ich zu dieser Ehre komme.

Hätte ich mich doch einfach nur bedankt! Hätte ich doch meinen Whiskey genommen und wäre in aufrechter Haltung, mit breiten Schultern und voller Stolz aus dem Laden spaziert. Ich hätte mich gefreut und eine Kolumne darüber geschrieben, wie auch ich den Sprung in die Erwachsenenwelt nun definitiv geschafft habe. Aber leider hat meine Neugier gesiegt.

Ich drehe mich nochmals um und frage die Kassiererin: «Wollen Sie denn gar nicht meinen Ausweis sehen?» Sie lacht. «Das muss ich nicht, ich kenne Sie ja.» Komisch, denke ich. Sie bemerkt meine Verwirrtheit und klärt mich auf: «Wissen Sie, ich lese jeden Dienstag Ihre
Kolumne in der Aargauer Zeitung. Mein Sohn geht eben auch an die Kanti.» Das macht Sinn. Zwar freue ich mich über die Rückmeldung, aber ein bisschen Wehmut schwingt mit. Darüber, dass mein erwachsenes Auftreten und meine besonnene Art wohl doch noch nicht ganz ausreichen, um auch im Zweifelsfall als volljährig durchzugehen. Schade. Und so verlasse ich den Supermarkt an diesem Samstagnachmittag nicht als vollwertiger Erwachsener, sondern noch als volljähriges Kind.