Kolumne
Viel lernen – über sich und andere

In ihrer Kolumne schreibt Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi Gülsha Adilji über das Machen von Komplimenten und die Reaktion darauf.

Gülsha Adilji
Gülsha Adilji
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Staubsaug-Regeln am Sonntag, Guggenmusik-Mitgliedschaft oder den korrekten Umgang mit Komplimenten: First-World-Issues, die man gerne in Kolumnen analysiert und dazu neue und persönliche Betrachtungsweisen bietet. Sehr gern geschehen.

1. Es wird nicht gestaubsaugt über Mittag, nach 21 Uhr oder am Sonntag, es sei denn man lebt auf Schloss Kyburg. 2. Alles wie bei 1. (Staubsaugen mit Guggenmusik-Machen ersetzen und so tun, als wäre es normal, wenn das jemand macht). Jetzt aber zum schwierigen Part: Komplimente. Ready? Wenn Ihnen jemand ein Kompliment macht, haben Sie sich gefälligst vehement dagegen zu wehren! Auf ein «Läck, bisch Du hüpsch» darf um Herrgottswillen niemals folgen «Jööö, danke». Entweder muss einigermassen witzig mit einem «Ich werde es meinen Eltern weiterleiten, die haben mir das alles zum Geburtstag geschenkt» gekontert werden oder unmittelbar auf die negativen Seiten aufmerksam gemacht werden, wie etwa «Huuiii nei, lueg mal mini Pickel uf dä Stirn, die bruched jetzt denn e eigeni Postleitzahl».

Wir nehmen nicht einfach dankend ein Kompliment an: Wir nehmen es, spucken drauf, zünden es an und ersticken das Feuer dann mit einem Sack Kamelexkrementen. Weil wir sonst eingebildet und undankbar wirken würden. Statt «Danke» könnte man nämlich auch «Putz mir die Schuhe, du Ding» sagen.

Relevante Nuancen im Charakter des Gegenübers erkundschaften

Komplimente sind aber was Spannendes. Vielleicht überinterpretiere und übertreibe ich auch – das sagen häufig auch Verflossene über mich, anderes Thema – aber ich nutze Komplimente gerne nicht nur als neutralen Ausdruck für etwas, was mir gefällt, sondern auch um für mich relevante Nuancen im Charakter meines Gegenübers zu erkundschaften. (Beim Wort «Erkundschaften» blitzen Bilder auf, wie ich mir mit einem sexy Indiana-Jones-Kostüm einen Weg durch die Dendriten und Nervenfasern frei-machete.) Je nachdem, wie die Person reagiert, weiss ich zum Beispiel, wie häufig sie das Bonmot zu hören bekommt oder wie verlegen sie das immer noch macht, obwohl sie es bereits tausendmal gehört hat.

Es hat auch nicht nur damit zu tun, was man auf ein Kompliment antwortet: Auch mikromillimeter Verschiebungen der Augenbrauen nach oben, ein Lächeln, das komplett entgleist, Schultern, die Lift fahren gen Ohren, oder ein verschämtes Wegdrehen um 30 Grad zeigen viel. Diese Veränderungen in Gestik und Mimik lassen sehr viele Schlüsse zu und wir als menschliche Wesen sind evolutionsbedingt und, ohne dass wir ein Youtube-Tutorial angeklickt haben, im Stande, diese Dinge zu deuten. Allenfalls nickt die Person, der wir eben ein Kompliment gemacht haben, auch einfach unbeteiligt und wissend – wie ein Gynäkologe, der am Montagmorgen das Antibiotikum gegen Chlamydien aus der Schublade zieht.

Sagen Sie nur, was Sie wirklich meinen – einfach viel öfter

Was auch immer die Reaktion ist, sie gewährt uns einen schwer zu manipulierenden Einblick in den Kopfdschungel unseres Gegenübers. Die Verhaltensweise ermöglicht uns vielleicht sogar relevante Schlüsse über uns selbst: Entweder finden wir das verlegene Verneinen knuffig oder uns gefällt die abgeklärte Nonchalance, weil es selbstbewusst und stark wirkt. Oder die Reaktion vermittelt auf uns den Eindruck, dass jemand nichts gibt auf Zuspruch von einem Fremden, was wir dann liebenswert oder aber unsympathisch finden.

Richten Sie Ihren Filzhut, vergewissern Sie sich, dass die Machete fest im Holster hockt und schwingen Sie die Komplimente-Peitsche! Sie werden nicht nur den Leuten in Ihrer Umgebung einen beschwingten Tag schenken – «beschwingt», was für ein doofes Wort –, sondern auch viel über sie und sich lernen. Aber bitte übertreiben Sie es nicht, es will niemand, dass der Kelch überläuft. Und sagen Sie auch nur, was Sie tatsächlich meinen – aber halt einfach viel öfter, als dass wir das in der Schweiz normalerweise tun.