Auswirkung von Asyl
Verlorene Generationen

Der Autor ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel. In seiner Kolumne schreibt er über die Auswirkung von Asyl auf die Gesellschaft

Georg Kreis
Georg Kreis
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Wir werden zurzeit darauf aufmerksam gemacht, dass wegen des Bürgerkriegs in Syrien eine verlorene Generation (a lost generation) entsteht.

Wir werden zurzeit darauf aufmerksam gemacht, dass wegen des Bürgerkriegs in Syrien eine verlorene Generation (a lost generation) entsteht.

Keystone

Wir werden zurzeit darauf aufmerksam gemacht, dass wegen des Bürgerkriegs in Syrien eine verlorene Generation (a lost generation) entsteht. Die erste Nothilfe muss sich völlig zu Recht auf Nahrung und Unterkunft (food and shelter) beschränken. Bildung ist aber ebenfalls wichtige Nahrung und Unterkunft – im übertragenen Sinn. Unicef hat Alarm geschlagen: Millionen von Kindern sind seit vier Jahren ohne Schulunterricht. Die Niederländerin Yoka Brandt, stellvertretende Direktorin des UN-Kinderhilfswerks, rief bereits vor Monaten die einfache Einsicht in Erinnerung: «Wenn wir nicht in diese Kinder investieren, transportieren wir den Konflikt in die Zukunft.»

Der Appell ist ernst zu nehmen. Er veranlasst uns aber auch, dass wir uns überlegen, was mit verlorener Generation gemeint ist und inwiefern ein solcher zugespitzter Appell sogar einen noch breiteren Bedarf aufzeigt.

Georg Kreis, em. Professor für Geschichte

Der Autor ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel. Er war bis 2011 Leiter des Europainstituts Basel und Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Kreis ist Mitglied der FDP.

Im Laufe der grossen Geschichte hat es immer wieder verlorene Generationen gegeben. Der Begriff kam jedoch erst nach dem Ersten Weltkrieg auf und galt den amerikanischen Schriftstellern, die im vorangegangenen Krieg in den Jahren 1917/18 nicht ihr Leben, sondern ihren Lebenssinn – ihre Orientierung – verloren hatten. Ernest Hemingway trug zur Verbreitung dieser Formel bei, die bald in generellerer Weise in unseren Sprachgebrauch einging.

Mit Verloren und Verlust sind abhandengekommene Entfaltungsmöglichkeiten bestimmter Altersgruppen und insbesondere der Jugend gemeint, die wegen katastrophaler Zeitumstände keine adäquate Ausbildung und keinen guten Einstieg ins Berufsleben erhalten haben. Dabei kann man an junge Leute der Kriegsjahre 1939–1945 und der anschliessenden Entbehrungsjahre denken. Oder an die amerikanischen Vietnam-Veteranen, wobei man sich sogleich auch fragen muss, was derselbe Krieg auf der Gegenseite auch für die vietnamesische Jugend bedeutete. In einem weiteren Gedankengang darf uns zudem bewusst werden, dass es Generationen gibt, die – etwa in Afrika – schon vorher und schon immer in elenden Verhältnissen gelebt und somit überhaupt nichts verloren haben, weil sie nichts zu verlieren, das heisst, schon zuvor so viel wie nichts besessen hatten.

Durch jüngste Wirtschaftskrisen sind wir überdies darauf aufmerksam gemacht worden, dass es verlorene Generationen auch ohne Kriege gibt, zum Beispiel in Spanien mit seiner Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent. Da werden Fälle von Menschen genannt, die immerhin eine gute Ausbildung haben und jetzt mit anspruchsvollen Diplomen ausgestattet sind. Die immerhin erworbene Ausbildung könnte die Lage für die direkt Betroffenen nur noch schlimmer machen, weil sie die Diskrepanz zwischen den eigenen Möglichkeiten und den objektiven Unmöglichkeiten deutlicher spüren und sich als Überqualifizierte mit unterqualifizierten Hilfsjobs über Wasser halten müssen.

Hier zeigt sich, dass verlorene Generationen auch Verluste für die Gesellschaften bedeuten können. Über Auswanderung kann es zu drastischen Verlusten quantitativer, aber auch qualitativer Art kommen. Es sind vor allem die Mutigen, die Innovativen, die – im guten Sinn – Anpassungsbereiten, die den Schritt in die Emigration wagen. So wird, wie zahlreiche konkrete Beispiele belegen, der Verlust etwa für Spanien ein Gewinn etwa für Deutschland. Der Preis, den manche dieser Art von Generationsangehörigen bezahlen, ist der feine Riss, der wegen doppelter Heimatlosigkeit durch ihre Seelen geht. Einen anderen Preis bezahlen mehr oder weniger trauernde Eltern, die ihre Kinder an die Ferne verloren haben.

Uns muss schliesslich bewusst sein, dass die Formulierung der verlorenen Generation auf ein Mengenproblem reagiert und dass damit weniger Verlust individueller und persönlicher Entfaltungsmöglichkeiten gemeint ist als Verlust, den die Gesellschaft – gar die Menschheit – wegen nicht eingesetztem Menschenpotenzial (human resources) damit erleidet. Es ist zu begrüssen, dass wir angehäufte und geballte Einzelschädigung als Gesamtschaden empfinden. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Die Wahrnehmung des Grossformats von Verlusten sollte unser Interesse auch für die vielen verstreuten Einzelfälle in unserer näheren Umgebung stärken, deren individuellen Potenziale sich wegen prekärer Lebensbedingungen nicht entfalten können.