Germanwings
Verdacht und Gewissheit

Analyse zu Medienleistung und Medienschelte nach dem Airbus-Absturz in Südfrankreich.

Hans Fahrländer
Hans Fahrländer
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Forensische Experten arbeiten mit Hochdruck an der Identifikation der Leichen des Germanwings-Flugzeugabsturzs.

Forensische Experten arbeiten mit Hochdruck an der Identifikation der Leichen des Germanwings-Flugzeugabsturzs.

Keystone

Das Spiel wiederholt sich bei jeder Katastrophe: Schon am Tag 2 tauchen die ersten Vorwürfe an die Adresse der Medien auf, ihre Arbeit sei von pietätloser Sensationsgier getrieben. Dabei hat sich die Faustregel etabliert: Je akribischer die Menschen die Details einer Katastrophe verfolgen, desto inbrünstiger ist ihre Medienschelte über das Ausbreiten dieser Details.

Das war beim Airbus-Absturz in den französischen Alpen nicht anders. Seit dem Aufkommen von Online- und anderen Echtzeit-Medien hat das Spiel noch an Intensität gewonnen. Einerseits haben sich die Möglichkeiten zur Instant-Berichterstattung dramatisch erhöht, anderseits kann sich jeder, der früher nur Konsument der Meldungen war, heute in die Debatte «einbringen». Er braucht dazu nur einen Internetzugang.

Es brauchte keine investigative Leistung, alles wurde serviert

Beim Germanwings-Absturz konnte man ein relativ neues Phänomen beobachten: Behörden, Staatsanwälte und andere Ermittler haben die ihrer Berufsgattung eigentlich anhaftende Zurückhaltung in der Information aufgegeben und schienen sich phasenweise fast übertrumpfen zu wollen mit eilfertiger Preisgabe brisanter Details.

Als relativ schnell nach dem Crash der Stimmenrekorder aus dem Cockpit gefunden war, hiess es zunächst routinemässig: Die Auswertung der Daten dürfte einige Tage bis Wochen in Anspruch nehmen.

Dann die Verblüffung: Schon am Folgetag tat Staatsanwalt Brice Robin der Welt kund: Der Co-Pilot hat den Airbus absichtlich zum Absturz gebracht. Es wäre von einer aufgeweckten Redaktion wahrlich zu viel verlangt gewesen, diese Neuigkeit mit dem Hinweis auf den provisorischen Stand der Ermittlungen nicht weiterzuverbreiten. Und alsbald gingen auch der volle Name und das Bild des Mannes um die Welt, der mutmasslich sich und 149 Mitmenschen in den Tod gerissen hat. Es bedurfte dazu keiner besonderen investigativen Leistung: Der Staatsanwalt war so freigebig.

Und prompt hiess es: Das sind die gnadenlosen Gesetze der Medien, sie provozieren solch offensive Informationspolitik. Mit Verlaub: Das ist Blödsinn. Ein Staatsanwalt, der das Heft des Handelns bzw. Informierens so eilfertig aus der Hand gibt, gehört eigentlich suspendiert.

Nach dieser Verteidigungsrede eines Medienschaffenden zugunsten seines Berufsstandes soll aber trotzdem noch die Frage erlaubt sein: Haben die Medien alles richtig gemacht? Gibt es keine Lehren zu ziehen für die Zukunft? Auch wenn die Grenzen der Verantwortlichkeit in Zeiten, in denen jeder sein eigener Journalist ist und Staatsanwälte Mutmassungen als Sicherheiten verkaufen, ziemlich verwischt sind: Ein Moment des Innehaltens empfiehlt sich für unseren Berufsstand nach der schrecklichen Tragödie in Südfrankreich allemal.

Ein Toter verliert seine Persönlichkeitsrechte

Die meisten Medien, so auch der Zeitungsverbund «Nordwestschweiz», geben den Journalisten ethische und handwerkliche Richtlinien mit auf den Weg durch ihren hektischen Alltag. Dort heisst es dann zum Beispiel: «Ein Verdächtiger darf vor Vorliegen eines Beweises nicht als Schuldiger hingestellt werden.»

Oder: «Eine Geschichte wird nur gebracht, wenn sie zu Ende recherchiert ist» (in diesem Fall unmöglich).

Oder: «Die Nennung von Namen und die Abbildung von Tätern in der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten etc. sind in der Regel nicht gerechtfertigt.»

Vielleicht wäre es gut, diese Richtlinien aus der untersten Schublade zu holen und in den Redaktionen an die Wand zu pinnen. Dann sähe manche Titelformulierung vielleicht etwas anders aus. Und anstelle des Ausrufezeichens hinter scheinbare Gewissheiten träte das eine oder andere Fragezeichen.

Das Problem hier: Der mutmassliche Täter ist tot. Tote verlieren die meisten ihrer Persönlichkeitsrechte. Es wird nie zu einem Gerichtsfall um den Absturz kommen (höchstens zu Verantwortlichkeitsklagen gegen seinen Arbeitgeber), nie zu einem rechtskräftigen Urteil, das die Unschuldsvermutung beenden könnte.

Trotzdem. Zwei Punkte gehören energisch in Erinnerung gerufen. Erstens: Der Mann hatte schliesslich Familie. Wer schützt die Angehörigen vor Angriffen des Mobs, wenn nicht nur sein voller Name durch die Medien tost, sondern auch sein Bild und sein Wohnhaus?

Und zweitens: Ein Täterverdacht sollte als solcher gekennzeichnet und nicht als Gewissheit ausgegeben werden.

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