Die Freitags-Kolumne
Swissness in Luino

Praktisch denken viele – vor allem Schweizerinnen und Schweizer. Es ist nicht praktisch, in einer italienischen Kleinstadt wie Luino, die einmal wöchentlich von Marktfahrern und Marktbesuchern zugestellt wird, parkieren zu wollen.

Max Dohner
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Alex Spichale

Praktisch ist es, noch vor der Grenze den Zug zu nehmen – um dann auf einem Stehplatz im schockvollen Zug zu stecken, inmitten von bestens gegen eine Million Widrigkeiten gerüsteten Deutschschweizern.

38 Minuten lässt sich das aushalten, würden sich Deutschschweizer nur dessen befleissigen, was Japaner in schockvollen U-Bahnen können: endlich mal die Klappe zu halten. Nein, die Pfadi-Aufregung muss sich Luft schaffen. Eine nationale Schicksalsbeschwichtigung greift um sich, als ginge es gemeinsam zum Rand der Welt, wo alles abkippt ins Bodenlose.

Zuerst rühmt die Dame nebenan die «ruhige Fahrt des Stadler-Zugs». Etwas neidisch blickt sie auf die «schönen Höckli» am Seeufer: «Das ganze Jahr Traumsicht – auch nicht das Gelbe vom Ei.» Der Gatte brummt zustimmend, wohl ein «Ja», das sich in zig Ehejahren völlig abgeschliffen hat, als läge er unter einem Gletscher. Nach einem Halt steigen italienische Grenzbeamte zu. «Jetzt wird kontrolliert!», sagt die Dame, als sei sie mit denen im Bunde. Minuten später rattert der Zug auf italienischer Trasse: «Siehst du, wie es plötzlich schaukelt», sagt sie zum Gatten, «alles ausgeleiert.»

Nach dem Marktbummel stehen alle wieder am Perron. Mit ihren praktischen Windjacken, den prallvollen Rucksäcken, mit dem Fahrplan in der Hand, den sie mürrisch und mürrischer konsultieren. Zwei Carabinieri schlendern palavernd auf und ab und zucken auf jede latent rügende Frage nach dem Grund der Verspätung gottesfürchtig die Schultern.

Es ist ein kleines Jubiläum. Vor vierzig Jahren habe ich hier dasselbe schon einmal erlebt. Die Welt, so hört man ohne Ende, verändere sich «rasend schnell». Sei’s drum – die Leute halten sich weiter ans Unvergängliche, hüben wie drüben: ans Klischee.