«wir eltern»-Blog
Stillen: The never ending story...

Langzeit-Stillen ist gut für Mutter und Kind. Ohne Zweifel. Das wäre Nicht-Autofahren auch. Beides ist nicht immer praktikabel.

Nathalie Sassine-Hauptmann
Nathalie Sassine-Hauptmann
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Mutter bei der Arbeit mit Baby

Mutter bei der Arbeit mit Baby

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Es ist wieder soweit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat im «The Lancet» eine neue Studie über das Langzeitstillen publiziert. Neu daran ist einzig die extreme Dringlichkeit, mit der uns die Organisation ermahnt, unsere Kinder möglichst lange zu stillen: «Die WHO empfiehlt eine ausschliessliche Ernährung durch Muttermilch während der ersten sechs Lebensmonate und ein teilweises Stillen bis zum Alter von bis zu zwei Jahren. Muttermilch enthält nicht nur alle nötigen Nährstoffe, sondern schützt das Baby auch vor Kinderkrankheiten.»

Will heissen: Wenn du nicht stillst, läuft dein Kind Gefahr, öfter krank zu sein. Und dein Risiko, Brust- oder Eeierstockkrebs zu haben, ist ebenfalls viel grösser (ebenfalls ein Thema in der Studie). Es wäre also für beide viel gesünder, unsere Kinder bis zu zwei(!) Jahren zu stillen. Mag sein. Es gäbe ja auch sonst viel, das gesünder ist: Nicht-Auto-fahren. Besser essen. Weniger essen. Mehr Sport treiben. Mehr Sex haben. Weniger Kaffee trinken. Weniger Alkohol konsumieren. Vieles davon ist aber – gerade als frisch gebackene Mutter – nicht sonderlich praktikabel, findet ihr nicht?

Wir fahren unsere Kinder schon im jüngsten Altern stundenlang durch die Gegend. Statistisch gesehen ein sehr hohes Risiko, dies nicht zu überleben. Essen tun wir möglichst gesund, aber wenn wir ehrlich sind, klappt auch das nicht immer. Dasselbe gilt für Kaffee und Alkohol. Doch wie soll eine übermüdete Mutter ohne Kaffee auskommen? Und die gestresste ohne ein Gläschen Wein abends? Sport? Sex? Wollt ihr mich veräppeln? Wisst ihr noch, wie das ist, einen Säugling zu haben, der sprichwörtlich den ganzen Tag an dir hängt? Und dann soll ich auch noch auf sexy machen, weil es gesünder ist?

Aber zurück zum Stillen. Gemäss der regelmässigen Schweizerischen Gesundheitsbefragung werden 95% der Kinder in der Schweiz gestillt. Das finde ich schon enorm viel, wenn man bedenkt, wir oft wir dazu ermahnt werden! Die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie und die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfehlen «ausschliessliches Stillen während der ersten (vier bis) sechs Lebensmonate. Beikost kann ab dem fünften schrittweise und sollte ab dem siebten Monat eingeführt werden.» Nun will die WHO, dass wir unsere Kinder noch länger stillen. Die wissen aber schon, dass Mami nicht nur zu Hause rumsitzt und auf das nächste «Wäääähhhh!!!» ihres Babys wartet, oder?

Einerseits will die Welthandelsorganisation mehr Frauen zurück in den Beruf holen. Andererseits sollen sie aber bitteschön ihre Kinder bis sie alle Zähne haben stillen. Und wer sagt das den – immer noch vorwiegend – männlichen Chefs, wenn Mami alle paar Stunden abpumpen muss? Ist das realistisch?

Bereits vor 30 Jahren beklagte sich Elisabeth Badinter, die Gesellschaft hole die Frauen zurück an den Herd mit dem ganzen Mutter-Instinkt-Wahn und dass nur Mami die Richtige für die Kinder ist. Und vor ihr schon Simone de Beauvoir.

Ein Mutter-Leben wird diktiert vom schlechten Gewissen, welches entsteht, wenn wir nicht alles unter einen Hut kriegen. Entweder leidet die Familie (vermeintlich) oder der Job oder die Ehe. Alle wollen etwas von Mami und sie teilt sich in drei Teile, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Langzeit-Stillen hilft da sicherlich nur in zwei von drei Fällen...