#Maturtortur
Steuern und Stundenplan

Lernen wir für die Schule oder fürs Leben? Diese Diskussion hat in den letzten Tagen bewegt, auch Maturand Patrick Züst hat sich in seiner Kolumne dazu Gedanken gemacht.

Patrick Züst
Patrick Züst
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Beim Bildungssystem gehen die Meinungen auseinander. (Symbolbild)

Beim Bildungssystem gehen die Meinungen auseinander. (Symbolbild)

Keystone

15 652 Retweets, 28 315 Favorites und eine länderübergreifende Bildungsdebatte. Das ist das Resultat eines Tweets der deutschen Twitter-Userin @nainablabla. Sie schreibt: «Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.»

Naina fasst das zusammen, was ich mir seit Jahren in jeder Mathestunde denke. Und in jeder Geschichtsstunde. Und in jeder Physikstunde. Unterdessen hatte ich Zeit, mir zu dem Thema etwas differenziertere Gedanken zu machen. Müsste man in der Schule wirklich lebensnaher unterrichten und dafür praxisferne Themen vernachlässigen? Naina erhält für diese Forderung viel Zuspruch – nicht nur von Schülern, sondern auch von Politikern.

Dass man sich an der Kantonsschule zu wenig intensiv mit wirtschaftlichen Themen auseinandersetzt, stimmt. Das Schwerpunktfach «Wirtschaft und Recht» ist an den Aargauer Kantonsschulen so beliebt, weil es die einzige Möglichkeit bietet, einen marginalen Einblick in die Arbeitswelt zu erhalten. Andere «praxisferne» Fächer sollte man deshalb aber nicht übergehen.

Zugegeben, für den Lieblingsspruch aller Lehrer – «Ihr lernt das nicht für die Prüfung, sondern für das Leben» – habe ich nach bald 13 Jahren Schule nur ein müdes Lächeln übrig. Ich weiss, dass es nicht stimmt. Ich weiss, dass ich nur einen Bruchteil aller Dinge, mit denen ich mich seit Jahren beschäftige, je wieder brauchen werde. Unser Bildungssystem baut jedoch gerade darauf auf. An der Kantonsschule lernt man, Wissen zu vernetzen, Zusammenhänge zu erkennen und Probleme eigenständig zu lösen.

Das klingt pathetisch, ich weiss. Aber auch wenn ich in vielen Punkten nicht mit dem aktuellen Bildungssystem einverstanden bin, muss ich zugeben, dass genau diese Wissensvernetzung an der Kanti verdammt gut umgesetzt wird. Das grosse Problem ist aber oftmals, dass Lehrer es nicht schaffen, das auch ihren Schülern klarzumachen.

Alles was später im praktischen Leben wichtig ist, werden wir auch im praktischen Leben lernen. Denn wer die Relativitätstheorie versteht, den Unterschied zwischen Desoxyribonukleinsäure und Ribonukleinsäure kennt und Camus' Werke im Bezug auf den Absurdismus deuten kann, der wird es wohl auch irgendwie schaffen, seine erste Steuererklärung korrekt auszufüllen.