#Maturtortur
Sonnenbrand im Casino

Kolumnist Patrick Züst möchte im Casino reich werden. Die Emotionen, die ihn dort überkommen, erinnern schmerzlich an den Schulalltag an der Kanti.

Patrick Züst
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Gäste im Grand Casino Baden. (Symbolbild)

Gäste im Grand Casino Baden. (Symbolbild)

Keystone

Eigentlich sollte ich jetzt Millionär sein. Ich sollte in der Karibik am Strand liegen und von meinem Sonnenbrand erzählen, der mich aussehen lässt wie eine reife Tomate. Denn letzten Freitag habe ich mir vorgenommen, reich zu werden. Zum allerersten Mal war ich im Casino. Und ich habe genügend Hollywood-Filme und Fernseh-Dokumentationen geschaut, um all jene Tricks zu kennen, mit denen man sicher gewinnt. So dachte ich zumindest.

All mein Geld liegt auf der Dreizehn. Zumindest all das Geld, das mir nach drei Stunden im Casino Baden noch geblieben ist. Jetzt aber bin ich siegessicher. Wenn man einen ganzen Abend lang verliert, muss man irgendwann auch gewinnen – das ist Statistik. Und obwohl ich weiss, dass die Roulette-Kugel mit Sicherheit auf der Dreizehn landen wird, bin ich nervös. Diese Emotionen kenne ich aus der Schule nur zu gut: .

Das Gefühl der Verzweiflung, wenn man sich bei einer Multiple-Choice-Aufgabe zwischen drei Antworten entscheiden muss und einem alle im selben Masse unlogisch erscheinen.

Das Gefühl der Hoffnung, wenn man als Einziger in der Klasse die Hausaufgaben nicht gemacht hat und sich der Lehrer nur jemanden herauspickt, um alles zu präsentieren.

Das Gefühl der Machtlosigkeit, wenn man am Mittag in der Mensa isst und hofft, genau den einen Wochentag zu erwischen, an dem das Essen schon fast gut schmeckt. Mit Statistik hat das Ganze jeweils aber nur sehr wenig zu tun.

Die Erkenntnisse aus dreizehn Jahren Schule und aus drei Stunden Casino sind identisch: Als Spieler verliert man immer. Deshalb entscheidet man sich beim Multiple-Choice-Test im Zweifelsfall immer für die falsche Antwort, wird im Unterricht immer genau dann aufgerufen, wenn man die Hausaufgaben nicht gemacht hat und isst immer dann in der Mensa, wenn es wieder mal Lasagne-Suppe mit ungesalzenen Pommes gibt. Und deshalb landet die Roulette-Kugel auch nicht auf meiner Dreizehn, sondern auf der Fünf. Ich will nicht mehr weiterspielen – ich kann es auch nicht.

Wir verlassen das Casino. Auf dem Heimweg stelle ich fest, dass sich in meinem Portemonnaie zumindest noch ein paar Münzen vor meinen statistischen Überzeugungen retten konnten. Ein tröstender Gedanke, dass ich mir in der Karibik davon zumindest eine Sonnencreme kaufen könnte.