Kommentar
Republikanische Werte neu entdeckt

Terror in Frankreich: Fast scheint es, als machten sich die Franzosen auf, den tieferen Sinn ihrer republikanischen Werte «Liberté, Égalité, Fraternité» neu zu erfinden. Ein Kommentar.

Stefan Brändle
Stefan Brändle
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Front-National-Chefin Marine Le Pen (Archiv)

Front-National-Chefin Marine Le Pen (Archiv)

Keystone

Natürlich der Front National. Das ist die naheliegende Antwort auf die Frage, wer von den Anschlägen auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion profitieren wird. FN-Chefin Marine Le Pen reagierte wie immer als eine der Ersten und verlangte einmal mehr die Einführung der Todesstrafe sowie eine Immigrationsbremse. Griffige Forderungen, die der Angst und Bestürzung vieler aufgeschreckter Bürger im ersten Moment aus der Seele sprachen.

Noch ist aber nicht aller Tage Abend. Frankreich erlebt dramatische Stunden. Zugleich geht aber auch eine Grundwelle der Solidarität durch die alte Nation, die durchaus positive Folgen haben kann. Fast scheint es, als machten sich die Franzosen auf, den tieferen Sinn ihrer republikanischen Werte «Liberté, Égalité, Fraternité» neu zu erfinden: Die an den Demos hoch gehaltenen Kugelschreiber und Bleistifte geben dem vielleicht französischsten aller Gefühle, dem der Freiheit, neuen Ausdruck. Moslems, Christen und Juden entdecken ihre Gleichheit vor dem Horror eiskalter Killer. Und das spontane Zusammenstehen von 100 000 Franzosen zeugt von einer Brüderlichkeit, die in den letzten Jahren verloren schien.

Liberté, Égalité, Fraternité aber sind pure Antithesen zum Front National. Wenn die Franzosen wieder am gleichen Strick ziehen, wird Marine Le Pen nie Staatspräsidentin.

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