Die Freitags-Kolumne
Pseudokratie

Diese Wortschöpfung ist angelesen: Pseudokratie. Etwa zu übersetzen mit: Herrschaft des Unechten.

Max Dohner
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Wohin wollen sie denn gehen?

Wohin wollen sie denn gehen?

Umgangssprachlich ist «pseudo» vor allem bei den Jungen in Mode gekommen, als Begriff für alles Nachgeahmte. Drin versteckt sich nicht unbedingt moralische Kritik. Aber der Vorwurf von Stilheuchelei. Zu oft tut man so, als ob ...

Das Wort «Pseudokratie» fiel mir auf in neuer Literatur: in den «Fabeln von der Begegnung», dem jüngsten wunderbaren Buch von Botho Strauss. Elke Heidenreich hat das Werk phänomenal populistisch verhauen, wodurch sich wieder einmal gezeigt hat, wie grotesk eine wichtige Instanz für den Buchmarkt und ihre Einschätzung von belletristischem Rang auseinanderklaffen kann.

Zu den Gesetzen der Literatur gehört es auch, dass man Gedanken nicht einfach dem Autor zuordnet, sondern zunächst seiner Figur. In der besagten Fabel ist das ein nur durch seinen Beruf gekennzeichneter Mann: ein Buchhalter. Er sitzt im Büro, als die Kollegin aus dem Urlaub kommt. Und er denkt: «Sie ist auch jemand, die nur aus Protest wählt, also ohne eine jasagende Entscheidung. So wie sie auch nicht wirklich religiös ist, sondern nur das Erhebende vom Religiösen in ihr Wohlfühlprogramm übernimmt. Das wird bald zur Herrschaft gelangen, es wird ausarten zur allgemeinen Pseudokratie.»

Überall, querbeet, fallen dem Buchhalter dann weitere Merkmale von Pseudokratie auf. Er nennt die übertünchten Risse «Klassengegensätze» und dürfte da höchstens beiläufig an die politische Note des Begriffs denken. Einen Gegensatz sieht er im Typ Experte und im Typ Ignorant – dieses Spiel wird uns täglich vorgeführt. Aber auch das Spiel von Fühllosen, die «Emotionen» bewirtschaften für jene, die am Ende eben ihrer Gefühle wegen dumm dastehen. Derlei Schindluder wird laufend schamloser mit uns getrieben. Und so viel feinschichtige Maskerade zu wittern, laufend komplizierter. Der «Buchhalter» in mir ist jedenfalls erwacht. Immerhin die einsame Literatur kann – im Gegensatz zu den Pseudokraten der Wirtschaft und der Politik – noch den Finger darauflegen.

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