Zettel
Pereira, Frau Bührle und ich

Zugegeben: Ich begleitete Alexander Pereiras Zürcher Opern-Ära bisweilen kritisch. Für die vor kurzem verstorbene Millionärin und Mäzenin Hortense Bührle ein Grund, ein Interview mit mir abzublasen.

Christian Berzins
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Als ich hörte, dass die Millionärin und Mäzenin Hortense Bührle gestorben ist, wurde ich nachdenklich. Der Zufall führte uns vor drei Jahren zueinander – oder eher: noch weiter auseinander. Frau Bührle, so stellte es sich heraus, kannte mich, aber mochte mich nicht. Schade, denn die LPs ihres Mannes Géza Anda (1921–1976) verehrte ich, und kein Museum war mir lieber als die «Sammlung Bührle» in der Zollikerstrasse 172 in Zürich.

Zum 90. Geburtstag ihres Ehemannes hatte Frau Bührle 2011 beim Kulturmagazin «DU» eine Géza-Anda-Spezialausgabe bestellt. Das Interview mit der Pianisten-Witwe sollte ich führen! Als ich schon viele Fragen vorbereitet hatte, auch die heiklen zu ihrer Beziehung zu Herbert von Karajan, rief mich der «DU»-Chefredaktor an, sagte, Frau Bührle wünsche sich einen anderen Autor, ich sei ihr zu kritisch, ich hätte immer Alexander Pereira angegriffen.

Darob war ich ein wenig stolz, vor allem aber enttäuscht. Anstelle von Frau Bührle interviewte ich die grossen ungarischen Pianisten András Schiff und Dénes Várjon. Várjon hatte einst den von Frau Bührle bezahlten Concours Géza Anda gewonnen. Die Pressefrau lud zum Interview in die Zollikerstrasse – ins Wohnhaus Bührle, gleich neben dem Museum! Im kirschbaumholzgetäferten Arbeitszimmer getraute ich mich kaum, die Teetasse zu berühren, schien mir ihr Versicherungswert doch so hoch wie jener meiner ganzen Wohnung.

Nach dem Interview führte mich Várjon auch in ein dunkles Zimmer, wo der Flügel Géza Andas stand. Als ich erhaben schwieg, aber auch dachte, dass man hier mal wieder lüften sollte, raschelte es: Die Hausherrin kam die Treppe herunter! Wir konnten uns nicht mehr ausweichen. Sie gab mir wortlos die Hand und trippelte weiter. Da nahm ich mir vor, sie vor dem Anda-Wettbewerb 2015 um ein Interview zu bitten – und Frieden zu schliessen. Der soll gelten.

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