Wahlen in Kroation
Nationaler Kitsch statt Kleingeist

Die Siegesfeier war noch in vollem Gange, da setzte die künftige Präsidentin Kroatiens ihr erstes Zeichen: Sie begab sich in die Savestrasse in Zagreb, wo Kriegsveteranen seit Wochen gegen die in ihren Augen unpatriotische Regierung protestieren.

Norbert Mappes-Niediek
Norbert Mappes-Niediek
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Perfekt und clever: Kolinda Grabar Kitarovic.

Perfekt und clever: Kolinda Grabar Kitarovic.

Keystone

«Niemand wird mehr unseren vaterländischen Verteidigungskrieg kleinreden», rief Kolinda Grabar Kitarovic dort den angetrunkenen Wutbürgern zu. «Wir werden dort weitermachen, wo unser erster kroatischer Präsident, Dr. Franjo Tudjman, aufgehört hat.»

Das hört sich gar nicht gut an, wenn man sich vor Augen führt, dass Franjo Tudjman sein Land am Ende in autoritäre Verhältnisse und aussenpolitische Isolation geführt hat. Wer Kroatien nicht kennt, könnte meinen, ein neuer Viktor Orbán wäre geboren. Aber der Fall liegt ein wenig anders. Anders als der Überzeugungstäter Orban in Ungarn kitzelt die «clevere Kolinda» – wie sie bereits genannt wird – die nationalen Reflexe zu einem bestimmten Zweck hervor: Sie will «Apathie und Kleingeist» vertreiben und eine Aufbruchsstimmung schaffen.

Die hätte das Land auch dringend nötig. Was sich aber mit nationalen Tönen an Aufbruchsstimmung schaffen lässt, erfasst erstens nur einen Teil der Bevölkerung und wird zweitens nicht lange anhalten. Gemeinsinn und Solidarität hat der Nationalismus in Kroatien eben nicht geschaffen. Im Gegenteil: Er hat Nachbarschaften zerstört, ein Zehntel der Bevölkerung in die Flucht getrieben und eine gigantische Korruption hervorgebracht.

Selbst wenn die gelernte Diplomatin und erprobte Europäerin den nationalen Kitsch nur zu bestimmten Zwecken einsetzen möchte: Seinen Missbrauch kontrollieren, kann sie nicht. Zu stark sind die Seilschaften in ihrer Partei. Als Zauberlehrling wäre sie nicht die Erste.

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