Analyse
Liberté, Egalité, Ridiculité

BZ-Chefredaktor Matthias Zehnder über die Freiheit der Fasnacht und die Anarchie des Lachens.

Matthias Zehnder
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Die diesjährige Basler Fasnacht beginnt mit dem Morgestraich am 23. Februar um 4 Uhr.

Die diesjährige Basler Fasnacht beginnt mit dem Morgestraich am 23. Februar um 4 Uhr.

Juri Junkov

Im Normalfall ist Satire die Aufgabe von ein paar wenigen Spezialisten: Karikaturisten, Kabarettisten, Glossenschreibern. Die spitzen Federn fragen sich nach dem blutigen Attentat in Paris jeder für sich, wie weit Humor gehen darf und vor allem: wie weit er oder sie persönlich gehen will. Darf man Mohammed zeichnen? Und wenn ja: soll ich?

Im Normalfall also sind diese Fragen Sache von Profis. Doch in 43 Tagen ist Fasnacht in Basel. Damit wird die Frage, was Humor darf, eine Frage für jedermann: Gegen 20 000 Aktive brünzeln an der Fasnacht Versli, malen Laternen, dichten Zeedel oder Bängg.

Ins Bewusstsein rückte die Problematik am Donnerstagabend an der «Pfyfferli»-Premiere im «Fauteuil». «Schnitzelbangg Tam Tam» reisst eine Bangg über Ali, der seine Frau in der Burka heiratet und so quasi die Katze im Sack kauft. Nach der Pause tritt ein weibliches Fasnachts-Zensurkomitee auf, vor dem die fiktive Schnitzelbangg «Di Aagschissne» vorsingen muss. Die drei Herren von der Bangg treten mit WC-Schüsseln auf dem Kopf auf und reissen rassistische und sexistische Witze über Neger und Frauen. Das Zensurkomitee ist empört. Wie das Stück sich weiterentwickelt, sei hier nicht verraten. Wesentlich ist: Er darf stattfinden. An der Basler Fasnacht kennt der Humor keine Grenzen.

Man darf über alles lachen, nur nicht über schlechte Witze

Fasnachtsspezialist Felix Rudolf von Rohr präzisiert auf Nachfrage: Die Grenze sei da, wo es nicht mehr lustig ist. «Diese Grenze ist aber schwer zu fassen. Ein Aktiver hat das im Blut und spürt, wie weit er gehen darf.» Und wenn einmal jemand zu weit geht, passiert nichts. Niemand kontrolliert die Verse an der Fasnacht. Rudolf von Rohr erinnert sich gerade mal an einen einzigen Fall einer Clique, welche diese Grenze überschritten hat: 2003 haben die «Alte Stainlemer» mit dem Sujet «Draumhochzyt» den Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern thematisiert. Für Wahl und Umsetzung des Sujets erhielt die Clique gute Noten, für einzelne Laternenverse wurde sie aber scharf kritisiert. Die Verse seien antisemitisch, die Clique habe damit die Grenzen des ethisch Vertretbaren deutlich überschritten. Das Fasnachts-Comité büsste die «Alte Steinlemer» deshalb mit einer Kürzung der Subventionen.

Die Basler Fasnacht zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Rolle des Hofnarren spielt und das Recht, ja die Pflicht hat, alles und jeden aufs Korn zu nehmen. «Ohne Schranken, aber mit feiner Klinge», wie Felix Rudolf von Rohr meint. Ob Regierungsrat oder Papst, Jesus oder Mohammed, Schwoobe oder Ziircher: die Fasnächtler spotten nach Belieben über Obrigkeit und Aufreger – und gerne und immer wieder auch über sich selbst. Denn das ist die Basis von Humor: dass man über sich selber lachen kann.

Einer Republik ist dem Humor nichts heilig

In der Basler Bürgergesellschaft hat dieses Lachen immer auch eine befreiende, eine anarchische Rolle gespielt. Niemand ist so wichtig, dass man nicht über ihn lachen könnte. Es ist selbstverständlich, dass wir über unsere Regierung und unsere Religion lachen dürfen. Schliesslich sind auch Pfarrer, Regierungsräte und Professoren nur Bürger wie du und ich. Wo die Macht absolutere Züge hat, kann das Lachen gefährlich sein. Denn Lachen über die Macht relativiert sie. Ganz egal, ob das Absolute ein diktatorischer Herrscher wie Kim Jong Un von Nordkorea ist oder eine extreme Idee wie der Islamismus –
Absolutheit verträgt keine Satire.

Es gibt deshalb für absolute Machtansprüche nichts Gefährlicheres als dieses anarchische

Lachen. Wo die Freiheit beschränkt wird, verschwindet das Lachen über die Obrigkeit meist als Erstes. Denn lachen kann man nur in Freiheit und in Gleichheit. Lächerlichkeit, also die Ridiculité, gibt es nur in Liberté und Egalité. Und die Freiheit gibt es nur, so weit man sie nutzt. Also: nutzen wir sie.

Deshalb sollten wir nicht aufrüsten und den Extremisten und Absolutisten auf dieser Welt nicht einfach konventionelle Waffen entgegenhalten. Das sind sie gewohnt, das schreckt sie nicht. Viel furchtbarer für jeden absoluten Anspruch ist das Lachen. Wer den getöteten Karikaturisten gerecht werden will, erstarrt deshalb nicht in Angst oder Ehrfurcht, sondern macht Witze.

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