Kommentar
Trotz unbestrittenem Ziel: Die Agrarinitiativen sind zu wenig durchdacht

Die Emotionen im Abstimmungskampf sind nicht erstaunlich. Denn eigentlich geht es auch um uns als Konsumenten. Die Diskussion ausserdem: Es gibt nicht schwarz oder weiss, und deshalb auch keine einfachen Lösungen, wie sie die Initiativen versprechen.

Doris Kleck
Doris Kleck
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Am 13. Juni kommen zwei Initiativen an die Urne, welche die Landwirtschaft radikal umbauen wollen. (Symbolbild)

Am 13. Juni kommen zwei Initiativen an die Urne, welche die Landwirtschaft radikal umbauen wollen. (Symbolbild)

Keystone

Die frohe Kunde zuerst: Schweizer Wasser kann bedenkenlos getrunken werden. Die schlechte Nachricht ist: Der Druck auf das Grundwasser nimmt zu. Vor allem aber schaden Pflanzenschutzmittel und Nährstoffüberschüsse der Biodiversität und Artenvielfalt. Am 13. Juni kommen zwei Initiativen an die Urne, welche die Landwirtschaft radikal umbauen wollen. Die Pestizidinitiative will ein Verbot von synthetischen Pflanzenschutzmitteln und schliesst auch den Import von Lebensmitteln mit ein. Die Trinkwasserinitiative ist umfassender und setzt bei den Direktzahlungen an.

Die Emotionen im Abstimmungskampf sind nicht erstaunlich: Wir stimmen zwar über die Landwirtschaftspolitik ab, doch eigentlich geht es auch um uns als Konsumenten. Darum, dass wir oft doppelzüngig sind und unsere Kaufentscheide nicht so fällen, wie es für die Umwelt am besten wäre. Gleichzeitig zeigt die Diskussion aber auch: Es gibt nicht schwarz oder weiss, und deshalb auch keine einfachen Lösungen, wie sie die Initiativen versprechen.

Die Initiative hat eine Reihe von Konstruktionsfehlern

Nehmen wir die Pflanzenschutzmittel. Die Pestizidinitiative will die synthetischen Mittel verbieten. Doch auch im Biolandbau werden Pflanzenschutzmittel eingesetzt, die bedenklich sind. Ein Beispiel dafür ist das Kupfer, für das es noch immer keine Alternative gibt. Oder das Insektizid Spinosad, das gefährlich ist für die Bienen. Vor allem aber sind die Erträge etwa 20 bis 25 Prozent geringer als in der konventionellen Landwirtschaft, der Bodenbedarf ist höher. Und wer stabile Erträge will, der kommt bei vielen Kulturen nicht komplett ohne Pflanzenschutzmittel aus. Entscheidend ist, dass der Einsatz gezielter erfolgt. Grosses Potenzial birgt die Digitalisierung. Der Schweizer Biopionier Urs Niggli geht davon aus, dass man mit computergesteuerten Geräten und Robotern, die präzise einzelne Insekten, Unkräuter oder Krankheitsherde treffen, 50 bis 90 Prozent der Pflanzenschutzmittel einspart. Bei der Züchtung von resistenteren Pflanzen liegt ebenfalls Potenzial brach. Die Schweiz leistet sich den Luxus, nicht einmal mehr über die Chancen der Gentechnik zu diskutieren.

Die Trinkwasserinitiative geht auch das Problem der Überdüngung an. Dafür wählt sie den vermeintlich liberalen Weg über die Direktzahlungen. Nur noch jene Bauern sollen sie erhalten, welche nach verschärften ökologischen Vorschriften produzieren. Nur: Die Initiative will nicht nur viel, zu viel, sie hat auch eine Reihe von Konstruktionsfehlern. So bedeuten weniger Pestizide und weniger Dünger auch tiefere Erträge. Die Schweiz könnte diese Lücken füllen. Nur wer garantiert, dass die zusätzlichen Importe auch ökologisch sind? Die Schweiz würde ihre Umweltprobleme ins Ausland exportieren. Das ist nicht liberal und sogar kontraproduktiv.

Unbestrittenes Ziel: Die Landwirtschaft muss ökologischer werden

Es gibt jene Bauern in der Schweiz, die ihren Betrieb darauf ausgelegt haben, das Maximum an Direktzahlungen herauszuholen. Es gibt aber auch jene, die in erster Linie vom Verkauf ihrer Produkte leben und die weniger stark von Direktzahlungen abhängig sind. Dazu gehören jene Betriebe, die am meisten Pestizide einsetzen: die grossen Gemüse-, Obst- und Weinproduzenten. Ebenfalls tief ist der Anteil der Direktzahlungen bei Schweine-, Poulet- und Legehennenbetrieben, die viel Futter importieren. Es ist zumindest offen, ob diese Landwirte nicht eher auf Direktzahlungen verzichten und noch intensiver produzieren würden, als ihre Betriebe umzustellen. Und selbst wenn sich die Tierhalter entscheiden, im Direktzahlungssystem zu bleiben: Sie müssten auf den Zukauf von Futter verzichten und selbst mehr Futtermittel anpflanzen. Dabei sind sich Experten einig, dass in der Schweiz das wenige Ackerland besser für pflanzliche Nahrungsmittel als für die Tierfutterproduktion genutzt werden sollte.

Bei all den Mängeln haben die Initianten schon viel erreicht. Das Parlament hat eine Art inoffiziellen Gegenvorschlag verabschiedet. Bis 2027 soll der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln halbiert werden. Auch bei den Nährstoffverlusten setzt das Parlament an. Das heisst nicht, dass damit alle Aufgaben erledigt wären. Die Bauernvertreter im Parlament dürfen nach der Abstimmung nicht in den alten Abwehr-Trott zurückfallen. Denn das Ziel ist unbestritten: Die Landwirtschaft muss ökologischer werden. Nur müssen auch die Konsumenten mitmachen. Ein Apfel mit Schorf im Einkaufskorb kann ein Anfang sein.

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