Kommentar
Der Herr Doktor als Auslaufmodell

40 Prozent der Hausärzte im Kanton Aargau stehen vor der Pensionierung. Junge rücken kaum nach. Die Politik hat das Problem jahrelang verschlafen. Doch die zugespitzte Situation ist auch eine Chance.

Rolf Cavalli
Rolf Cavalli
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Kein Traumberuf mehr: Junge Mediziner wollen kaum noch Hausarzt werden.

Kein Traumberuf mehr: Junge Mediziner wollen kaum noch Hausarzt werden.

Urs Bucher

Der Befund kommt nicht überraschend, gibt aber nicht minder zu denken: Uns gehen die Hausärzte aus.

Wenn wie im Kanton Aargau 40 Prozent von ihnen vor der Pension stehen und zu wenig Junge nachrücken, ist absehbar: Das Modell Hausarzt als medizinische Grundversorgung wird in wenigen Jahren nicht mehr funktionieren.

Diese Entwicklung erinnert fatal an die aktuelle Diskussion in der Pandemie. Politikerinnen und Politiker verlangen nach mehr Pflegepersonal, nach besserer Ausbildung, nach attraktiverem Jobprofil. Für die jetzige Notsituation kommen diese Forderungen jedoch zu spät.

Auch der Hausärztemangel zeichnet sich seit langem ab. Man hat es versäumt, rechtzeitig genügend Mediziner auszubilden. Und wer die aufwendige Ausbildung zum Arzt mal geschafft hat, findet attraktivere Berufsmöglichkeiten, als fast rund um die Uhr in seiner Praxis für Patientinnen und Patienten da zu sein.

Der klassische Herr Doktor entspricht zudem nicht mehr den Bedürfnissen der jüngeren Generation, die keinen Hausarzt auf Lebenszeit braucht.

Die Kunst von Politik, Krankenversicherern und Ärzteschaft wird sein, Rahmenbedingungen für ein neues ärztliches Berufsbild zu schaffen, das die Möglichkeiten der Digitalisierung intelligent verbindet mit den Stärken einer Fachperson aus Fleisch und Blut.

Wenn dies gelingt, gibt es keinen Grund, dem alten Hausarzt-Modell nachzutrauern.

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