#Maturtortur
«Ist die Kanti wirklich so eine Tortur, wie Sie in der Zeitung jeweils schreiben?»

Mein Leben lang war ich immer und überall der Kleinste. Vergangene Woche aber war ich für einmal ganz gross. Denn ich tat das, was ich mir eigentlich geschworen hatte, nie mehr zu tun.

Patrick Züst*
Patrick Züst*
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Patrick Züst kehrte an seine ehemalige Bezirksschule zurück. (Symbolbild)

Patrick Züst kehrte an seine ehemalige Bezirksschule zurück. (Symbolbild)

Keystone

Ich kehrte zurück in meine Vergangenheit. Ich kehrte zurück an die Bezirksschule. Dort traf ich auf meinen ehemaligen Biologielehrer, der neuerdings nicht mehr im Strickpullover, sondern im Business-Hemd unterrichtet. Ich traf meinen früheren Musiklehrer, der mir vier Jahre lang den Eindruck vermittelte, dass ich ein guter Sänger sei (was sich an der Kanti dann jedoch als fatale Fehlannahme entpuppte). Und ich traf Marco.

Marco gehört ebenfalls zu den Kleinen. Nach der zweiten Schulstunde, die ich besucht habe, hat er mich abgefangen. Er kenne mich aus der Zeitung, hat er mir erzählt. Seine Tante schneide ihm jeweils die #MaturTortur-Kolumnen aus, weil er nach den Sommerferien eben auch an die Kanti gehen werde. Und genau das bereite ihm derzeit ein bisschen Sorgen. Er schaut zu mir herauf, holt tief Luft und fragt dann: «Ist die Kanti denn wirklich so eine Tortur, wie Sie in der Zeitung jeweils schreiben? Ist es viel schlimmer als die Bez?» Ich muss lachen. Genau die gleiche Frage habe ich mir vor vier Jahren auch gestellt.

Unterdessen kann ich es beurteilen. Es ist ein Vergleich zwischen der Schule, die ich in den vergangenen vier Jahren kennen lernte, und der Schule, die ich in den vergangenen zwei Stunden wiederentdeckte. Eine Schule, in der Handys im ganzen Schulhaus verboten sind. Eine Schule, in der Absenzen noch von den Eltern unterschrieben werden müssen. Eine Schule, in der Hausaufgaben noch wirklich gemacht werden. Für einen von Freiheiten und Selbstständigkeit geprägten und verwöhnten Kantischüler ist es eine fremde Welt. Und vor allem eine strenge. Es ist eine Welt, in die ich als Besucher gerne zurückkomme, aber sicher nicht als Schüler.

Mein Verdikt ist deshalb klar. Ich lege Marco die Hand auf die Schulter, schmunzle und antworte ihm dann: «Wenn du die Bez überstanden hast, wird die Kanti ein Paradies.» Ich verabschiede mich, denn die nächste Schulstunde will ich wieder an meiner eigenen Schule erleben. In vier Jahren werde ich Marco wieder besuchen – das habe ich ihm versprochen. Und ich frage mich, ob ich dann auch an der Kantonsschule nicht mehr zu den Kleinen gehören werde.

* Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen