Per Autostopp um die Welt
In Kambodscha brüllt mich ein kleiner Bub an: «Fuck you man, fuck you!»

Autostöppler Thomas Schlittler war diese Woche in Kambodscha unterwegs, von Siem Reap nach Sihanoukville. Dabei wurde er mehrmals von Kindern beschimpft, weil er ihnen nichts abkaufen wollte. Das tat er allerdings nicht ohne Grund.

Thomas Schlittler
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Kinder in Kambodscha

Kinder in Kambodscha

Thomas Schlittler

Ich bekomme regelmässig Videos von meinem neun Monate alten Neffen Elias. Meist dienstags, wenn meine Schwester arbeitet und meine Eltern ihn hüten. Elias beim Baden, Elias mit einer Plüschtier-Eule, Elias mit Bauklötzen, Elias das erste Mal im Schnee.

Es ist schön, den Kleinen zumindest auf Bildern aufwachsen zu sehen. Wegen der Videos fährt es mir in Kambodscha aber auch umso mehr ein, wenn ich den vielen Kindern begegne, die nicht eine derart unbeschwerte Kindheit haben wie er in der Schweiz.
Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) schätzt, dass es in Kambodscha – einem Land mit rund 15,4 Millionen Einwohnern – 1,5 Millionen Kinder gibt, die unter prekären Umständen leben. Viele davon haben keine Eltern mehr. Das heisst, sie sind nicht oder kaum geschützt vor Gewalt, Missbrauch, Ausbeutung oder Verwahrlosung.

Per Autostopp um die Welt

Thomas Schlittler (27) war von 2012 bis Ende April 2015 Wirtschafts-Redaktor bei der «Nordwestschweiz». Jetzt trampt er per Autostopp um die Welt und schreibt wöchentlich eine Kolumne darüber.

Dieses Problem ist auch beim weltberühmten Tempelkomplex Angkor offensichtlich. „Sir, Sir, you want postcard?“, fragt mich ein kleines Mädchen. Nein danke, sage ich und laufe weiter. Als sie hartnäckig an meiner Seite bleibt, sehe ich mir doch ein paar Sujets an. Beim Betrachten der Karten frage ich die Kleine, ob sie zur Schule gehe. „No, no school“, antwortet sie kopfschüttelnd. Die paar Brocken Englisch hat sie im täglichen Kontakt mit den Touristen gelernt.

Die Kleine bettelt zwar nicht, sondern verkauft Postkarten. Die Konsequenz ist aber die gleiche: Sie geht nicht zur Schule. Ich blicke ihr deshalb in ihre dunklen, traurigen Augen und sage: „Es tut mir leid, aber ich kaufe nichts.“ Sie läuft mir noch ein paar Minuten hinterher, gibt dann frustriert auf und sagt wütend: „Wieso haben Sie die Karten dann überhaupt angeschaut? Sie sind verrückt!“
Einen Tag später in Siem Reap, der Kleinstadt, in der die tausenden Tempel-Besucher übernachten, beschimpft mich erneut ein Kind. In der sogenannten Pub-Street, in der es sich die Touristen aus aller Welt gut gehen lassen, spricht mich ein Bub an: „Sir, bitte kaufen Sie mir eine Packung Milchpulver für meine kleine Schwester. Wir haben kein Geld.“

Woche 39: Von Grosse Kreuzung nach Srae Ambel: Die erste Strecke dieser Woche lege ich noch alleine zurück - auf dem Rücksitz dieses Motorrads.
15 Bilder
Von Srae Ambel nach Stadtrand. Dann beginnt die Herausforderung: Drei Männer am Strassenrand. Meine Freunde Christian und Alex alias Balu (hinten) sind zu Besuch.
Von Stadtrand nach Koh Kong. Stöppeln zu dritt geht nicht nur erstaunlich gut, unsere zweite Mitfahrgelegenheit könnte auch kaum spannender sein. Der Chauffeur...
... des kambodschanischen Senat-Vizepräsidenten nimmt uns mit - auf Anweisung seines Chefs Tep Ngorn. Dieser ist nicht nur ein hoher Politiker, ...
... sondern auch Inhaber der kambodschanischen Tankstellenkette Tela.
Fahrer-Selfies Woche 38: Von Siem Reap nach Puok_Aus der Stadt geht es mit einer jungen Familie,die auf dem Weg an eine Hochzeit ist.Auf dem Bild nicht zu sehen_Der neun Monate alte Sohn
Von Puok nach Sisophon_Das Bild täuscht nicht_Auf dieser Fahrt wurde nicht viel gesprochen
Erst am Ziel taut Fahrer Darad etwas auf und fragt nach einem gemeinsamen Selfie - ich mache auch noch eins mit meiner Kamera
Von Sisophon nach Battambang_Der 44 jährige Supiap hat sechs Kinder, das jüngste 8, das älteste 25.Das ist gar in Kambodscha viel_Der Schnitt ist etwas über drei
Von Battambang nach Krakor_Sarat(links)hält für mich an - und prompt prallt ein Lieferwagen voll in ihn hinein.Es gibt einen heftigen Disput zwischen den beiden Fahrern
Sarat ist wütend, nimmt mich aber trotzdem mit. Auf dem Dach hat er lebende Hühner, die auf der Seite des Wagen runterhängen. Es tut weh, hinzuschauen
Von Krakor nach Pnom Penh_In die Hauptstadt geht es mit einem Minibus, der mich mitnimmt, obwohl ich klar mache, dass ich nicht bezahlen will. Merci!
Von Pnom Penh nach Ang Snuol_Aus dem Chaos der Hauptstadt erlöst mich dieser Roller-Fahrer. Ein ganz lieber Typ. Als er mich ablädt, kann er nicht mitansehen...
Von Ang Snuol nach Grosse Kreuzung_ ... wie ich am Strassenrand warte. Deshalb stoppt er einen Minibus für mich und fragt,ob ich kostenlos mitfahren darf. Ich darf
Von Grosse Kreuzung nach Sihanoukville_Die letzten 85km geht es im LKW von Rong. Wieso ich so gequält dreinblicke, erkläre ich nächste Woche ...

Woche 39: Von Grosse Kreuzung nach Srae Ambel: Die erste Strecke dieser Woche lege ich noch alleine zurück - auf dem Rücksitz dieses Motorrads.

Thomas Schlittler

Ich schaue in sein Gesicht und bin schockiert. Seiner Körpergrösse nach zu urteilen, kann er kaum älter als zehn Jahre sein, doch er hat die Haut eines Erwachsenen, der in seinem Leben zu viel getrunken und geraucht hat. Ich bin mir sicher, dass der Junge drogenabhängig ist. In seinen Augen fehlt das Leuchten, das Kinderaugen normalerweise so einzigartig macht.
Ich will ihm kein Milchpulver kaufen. Denn ich weiss, dass er im Laden einfach auf das teuerste Produkt zeigen wird – nur um wenige Minuten später zurückzukehren, um sich vom Verkäufer gegen eine Provision den Kaufpreis zurückerstatten zu lassen. Es würde ihn also ebenfalls dazu ermuntern, weiterhin zu betteln – und nicht zur Schule zu gehen. Ich sage deshalb auch ihm: „Es tut mir leid, aber ich kann dir nichts kaufen.“ Daraufhin wir er so aggressiv, wie ich es von Kindern noch nie erlebt habe. Er brüllt mir nach: „Du bist ein schlechter Mann. Fuck you man, fuck you!“ Dann läuft er weg.

Mit einem grossen Knoten im Magen laufe ich in mein Hostel zurück. Aus den unzähligen Bars dröhnen laute Musik sowie das Stimmengewirr und Gejohle der Touristen. Im Bett rasen in meinem Kopf die Gedanken: War es falsch, dem Jungen nichts zu kaufen? Wäre es nicht besser gewesen, als gar nichts zu tun? Was nützt es ihm überhaupt, wenn er zur Schule geht? Um danach keinen Job zu finden? Braucht er wirklich eine Ausbildung, um danach wie alle anderen Tuk-tuk-Fahrer zu werden?
Und vor allem: Was hätte ich sonst tun sollen?