Per Autostopp um die Welt (92)
Illegale Einreise in die USA: „Ich werde es erneut versuchen“

In Woche 92 reist Thomas Schlittler von San Salvador (El Salvador) nach León (Nicaragua).

Thomas Schlittler
Merken
Drucken
Teilen
Per Autostopp um die Welt – Woche 92: Von San Salvador (El Salvador) nach León (Nicaragua)
26 Bilder
Von San Salvador nach El Triunfo: Für Lea und mich geht es mit LKW-Fahrer Alex in den Osten El Salvadors, Tschügge geht mit dem Bus nach Nicaragua. Gracias Amigo!
Von El Triunfo nach Santiago de Maria: Lea hat offensichtlich noch nicht soviel Fahrer-Selfie-Erfahrung wie ich. Der ältere Herr sollte eigentlich mit aufs Bild...
Von Santiago de Maria nach Alegria: Auf der Ladefläche eines leeren Lieferwagens kommen wir ins beschauliche Dörfchen Alegria.
Neben einem Karaoke-Abend mit Einheimischen ist das Highlight von Alegria dieser kleine Kratersee.
Zu anderen Jahreszeiten hat der See mehr Wasser. Er gefällt uns aber auch so.
Von Alegria nach Santiago de Maria: Diese Herren bringen uns die wenigen Kilometer den Berg hinunter.
Von Santiago de Maria nach Jiquilisco: Dann dürfen wir David kennenlernen. Er singt für uns (siehe Video) und hat Spannendes zu erzählen.
Von Jiquilisco nach Puerto El Triunfo: Moises spaltet keine Meere, sondern arbeitet für das salvadorianische Militär. Übers Wochenende fährt er in sein Heimatdorf.
Wir setzen von Puerto El Triunfo mit dem Schiff über ins verschlafene Fischerdörfchen Corral de Mulas, das auf einer Halbinsel liegt.
Wir scheinen hier die einzigen Touristen zu sein. Okay, wir haben auch schon schönere Strände gesehen.
Aber die Aussicht von dem kleinen Guesthouse aus, das wir uns nur mit den Inhabern teilen müssen, ist nicht zu verachten.
Zudem können wir die einheimischen Fischer beobachten, die in der Bucht ihr Glück versuchen.
Sie werden fündig. Wie gross der Fang für die fünf Fischer ausgefallen ist, vermögen wir vom Strand aus aber nicht zu beurteilen.
Das Highlight ist dann der Sonnenaufgang am nächsten Morgen,als uns ein Taxi-Boot bei unserem Guesthouse abholt. Sehenswert ist aber nicht nur der Sonnenaufgang.
Mindestens so spannend ist das Taxi-Boot-System. Wir fahren einfach so lange am Strand entlang, bis wir genügend Leute aufgesammelt haben, die ans Festland wollen.
Von Puerto El Triunfo nach Jiquilisco: Abfallentsorgung in El Salvador – unser Fahrer hält irgendwo im Grünen an und schmeisst seinen Müllsack an den Strassenrand.
Von Jiquilisco nach San Miguel: Vicente und seine Frau haben eine Cousine in der Schweiz. In welcher Stadt sie lebt, wissen die beiden aber nicht.
Von San Miguel nach Sirama: Die nächste Ladefläche teilen wir mit einer Garette. Der Fahrer spendiert uns eine Cola.
Von Sirama nach Pasaquina: Nebst Manuel (l.) sitzt auch sein betrunkener Arbeitskollege mit uns auf diesem Pick-up. Er hat es aber leider nicht aufs Bild geschafft.
Von Pasaquina nach Grenze El Salvador-Honduras: Den letzten Streckenabschnitt bis nach Honduras machen wir gemeinsam mit ein paar Müllsäcken.
Zu Fuss geht es über die Grenze. Das Gelände ist so offen, dass wir uns fragen, wie die Behörden den Überblick über die Ein- und Auswanderung behalten wollen.
Von Grenze El Salvador-Honduras nach Leon: Ein paar hundert Meter nach der Grenze nimmt uns LKW-Fahrer Carlos mit. Er ist unterwegs nach Costa Rica.
Wir ändern deshalb unsere Reisepläne, machen es uns in seiner Kabine gemütlich, und fahren mit ihm quer durch den Süden Honduras direkt nach Leon, Nicaragua.
Weil wir am Zoll aber vier Stunden warten müssen, kommen wir dort deutlich später an als erwartet. Ich hätte wissen müssen, dass es keine gute Idee ist, ...
... mit einem LKW über die Grenze zu gehen. Das dauert immer sehr lange. Dafür lernen wir Carlos besser kennen. Der Guatemalteke ist ein wundervoller Mensch!

Per Autostopp um die Welt – Woche 92: Von San Salvador (El Salvador) nach León (Nicaragua)

Thomas Schlittler

Meine Freundin Lea hat Tränen in den Augen, als wir im Süden El Salvadors bei David aus dem Auto steigen. Wir waren zwar nur eine halbe Stunde lang mit dem 24-Jährigen unterwegs, aber die kurze Zeit hatte es in sich: „Am Anfang bringt er kaum ein Wort heraus, weil er so scheu ist, und am Ende singt er emotionsgeladen Lieder für uns. Unglaublich!“, fasst Lea die magische Autostopp-Begegnung zusammen.

Ich habe kaum etwas verstanden von dem, was David uns vorgesungen hat. Auch um Davids selbst komponierte Songs zu verstehen, die er auf seinem Smartphone abspielt, reichen mein Spanischkenntnisse nicht aus. Aber trotzdem klingt für mich jedes einzelne Wort, das aus ihm heraussprudelt, nach innerer Zerrissenheit, grossen Träumen und der Sehnsucht auf ein besseres Leben.

Meine Interpretation ist gewagt, ich weiss. Vielleicht handeln Davids Lieder auch von Frauen, Sex und fetten Schlitten. Aber meine Mutmassungen kommen nicht von ungefähr. Denn ein paar Minuten vor seiner Gesangseinlage hat uns der schüchterne Salvadorianer eine heftige Episode aus seinem noch jungen Leben geschildert – seinen missglückten Fluchtversuch in die USA:

„Man hat mir gesagt, dass ich in der Grenzregion drei Tage lang zu Fuss durch die Wüste wandern müsse, um es in den USA auf sicheres Territorium zu schaffen. Soweit kam es aber gar nicht. Meine Gruppe hatte mit einem Boot soeben den Grenzfluss Rio Grande überquert, als wir von amerikanischen Grenzbeamten entdeckt wurden. Die Mitglieder meiner Gruppe sind in alle Richtungen davongerannt. Mich hat ein Polizist geschnappt und zu Boden gedrückt. Ich habe einen Ellbogen abgekriegt, das tat ziemlich weh. Dann musste ich für ein paar Wochen in ein Camp für illegale Einwanderer und wurde danach abgeschoben.“

David mit dem Gesicht im Dreck und über ihm ein amerikanischer Grenzpolizist – ich kann mir dieses Bild kaum vorstellen, wenn er jetzt so vor mir sitzt mit seinen Pausbäckchen und dem grün-weiss-rot-karierten Hemd. Zudem erzählt er das Erlebte so staubtrocken und mit leiser Stimme, als sei es die normalste Sache der Welt.

Wir sind in den letzten Autostopp-Wochen in Mittelamerika auch schon mit Leuten in Kontakt gekommen, die ihre Reise ins „gelobte Land“ gerade erst begonnen hatten. Als wir zum Beispiel nahe der mexikanisch-guatemaltekischen Grenze auf eine Mitfahrgelegenheit warten, spricht uns einer an: „Hey guys, how are you doing?“ Der junge Mann mit dem perfekten amerikanischen Slang hat die letzten Jahre illegal in den USA gelebt, wurde vor ein paar Monaten aber in sein Heimatland El Salvador abgeschoben – jetzt ist er wieder auf dem Weg zurück in die Staaten. „Was soll ich sonst tun?“, fragt er uns, „in El Salvador habe ich doch keine Perspektive.“

Wir bohren nicht weiter. Und auch bei David sparen wir uns die Frage nach dem Warum. Die Armut und wirtschaftlichen Probleme El Salvadors sind unübersehbar, besonders auf dem Land. Hinzu kommt die hohe Kriminalitätsrate: Gemäss dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung gibt es in El Salvador 64,2 Tötungsdelikte pro 100'000 Einwohner. Damit steht das 6,4-Millionen-Einwohner-Land weltweit auf Platz 2 – nur im nördlichen Nachbarstaat Honduras (84,6) ist die Mordrate noch höher. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt die Quote bei 0,5.

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist 3144 Kilometer lang, das entspricht in etwa der Strecke von Rom nach Moskau. David glaubt daran, dass er da ein Schlupfloch finden wird, er hat seinen Traum vom Leben in den USA noch nicht aufgegeben: „Ich werde es erneut versuchen.“

David hat einem „Kojoten“, wie die Schmuggler genannt werden, 7000 Dollar bezahlt. „Dafür habe ich drei Versuche, um es in die USA zu schaffen.“ Falls die Grenzüberquerung beim nächsten Mal gelingt, weiss David, wer seine erste Anlaufstelle ist: seine Schwester, die es bereits in die USA geschafft hat. „Ihr Mann hat einen guten Job gefunden. Er kann mir vielleicht helfen, ebenfalls eine Arbeit zu finden.“
Grosse Ansprüche an seine zukünftige Arbeitsstelle in den USA hat David nicht. Wie so viele träumt er zwar von einer Karriere als Musiker, wenn das aber nicht klappt, ist er auch bereit, jeden anderen Job zu machen. Das beweist er bereits in El Salvador: Im Moment benutzt er das Mikrofon nämlich nicht, um seine Songs zum Besten zu geben, sondern um in Städten und Dörfern die Aktionspreise einer Supermarkkette zu verkünden.