#maturtortur
Ich bin die Nummer 231

«Dann kann ich Sie als Funkaufklärer einteilen?», fragt mich Offizier M. Ich habe mein Rekrutierungsgespräch – 4. Dezember 2014, 13:34.

Patrick Züst
Patrick Züst
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Rekrutierungsgespräch der Schweizer Armee in Windisch: Viele junge Männer melden sich zum ersten Armeetag.

Rekrutierungsgespräch der Schweizer Armee in Windisch: Viele junge Männer melden sich zum ersten Armeetag.

Patrick Züst

Auf seinem Bildschirm sieht M., was man in Windisch während den vergangenen zwei Tagen über mich, meinen Geist, meinen Körper herausgefunden hat. Zu gern wüsste ich, was da genau steht. Ich bin die Nummer 231.

«231, wieso machst du ein Foto?», fragt mich 216. Wir drängen uns um das Fenster zur Turnhalle, wo eine Berufsschulklasse gerade Handball spielt. Natürlich dürften wir nicht zuschauen – natürlich machen wir es trotzdem. Vor allem wegen der hübschen Blonden in den grauen Trainerhosen. «Ich will die Szene festhalten», antworte ich 216. Er gibt sich damit zufrieden und lacht. Am Abend zuvor haben wir zusammen Bier getrunken und Karten gespielt – so wie richtige Soldaten. Seinen Namen kenne ich nicht. Jetzt ist 216 Grenadier. Ich werde nie Grenadier, das habe ich meinen Eltern versprochen.

An der Rekrutierung werden psychologische Tests jeweils mit grosser Vorsicht ausgefüllt. Einerseits will man sich den Weg zur militärischen Wunschfunktion nicht verbauen, andererseits auch nicht zwingend eine Kaderempfehlung für die Unteroffiziersschule. Rund ein Drittel unserer Gruppe wird zu einem psychologischen Gespräch eingeladen. Auch mein Kollege 223. Beim Fragebogen gab er fälschlicherweise an, schon mal in Psychotherapie gewesen zu sein. Er hatte es mit der Physiotherapie verwechselt. 231 ist psychologisch unauffällig.

Mit Abstand am wichtigsten ist an der Rekrutierung aber der Sporttest. Wer gut ist, darf damit angeben – wer schlecht ist, braucht eine Ausrede, wieso es nicht geklappt hat. Resultate werden verglichen, erläutert, rechtfertigt. Nur über den Intelligenztest spricht praktisch niemand. Schliesslich zählt der Körper, nicht der Kopf. Das gilt auch für das abschliessende Zuteilungsgespräch. 231 hat das Sportabzeichen.

«Also dann, 231, kann ich Sie als Funkaufklärer einteilen?», wiederholt Offizier M. Ich nicke. Anders als meine Kollegen verspüre ich weder Stolz, Freude noch Enttäuschung. Dass M. in mir «einen motivierten Verfechter der elektronischen Kriegsführung» sieht, der «zu weit mehr berufen ist als nur zum Soldaten», ist mir egal. Schliesslich weiss ich genau, dass dies meine letzten Stunden im Militär sein werden. 231 wird Zivildienst leisten.

Patrick Züst (18) ist freier Mitarbeiter der Aargauer Zeitung und absolviert derzeit sein letztes Schuljahr an der Kantonsschule Wohlen.