#Maturtortur
Hoch lebe das Landleben

Was unterscheidet den Freiämter vom Aarauer Kantischüler? Kolumnist Patrick Züst hat die Antwort. Und er weiss: Nicht nur der Kuhmist auf dem Lande kann stinken.

Patrick Züst
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«Nach einer Kindheit auf dem Lande bin ich des Freiämter Dorf- und Güllegeruchs langsam, aber sicher überdrüssig», schreibt Kolumnist Patrick Züst. (Symbolbild)

«Nach einer Kindheit auf dem Lande bin ich des Freiämter Dorf- und Güllegeruchs langsam, aber sicher überdrüssig», schreibt Kolumnist Patrick Züst. (Symbolbild)

Keystone

Wenn du deinen «Taittinger»-Champagner mit einem Fingerschnipp öffnest, gerne deine Haare frisierst und alle deine Kollegen Zivildienst leisten, bist du an der Kanti Aarau. Wenn du dein «Erusbacher Bräu» mit einem Feuerzeug öffnest, gerne dein Töffli frisierst und all deine Kollegen ins Militär gehen, bist du bei uns an der Kanti Wohlen.

Ja, es ist wahr: wir sind eine Provinz. Wohler Kantischüler kennen mindestens fünf Traktorenmarken, können durchschnittlich neun Schnupf-Sprüchli rezitieren und haben geschätzte zwölf Fasnachtskostüme im Schrank. Bei uns fährt der letzte Bus spätestens um Mitternacht – wenn nicht gerade Feiertag ist. Und während Aarau für den letzten Schultag einen Nachtclub mietete, feierte Wohlen in einem Schützenhaus.

Nach einer Kindheit auf dem Lande bin ich des Freiämter Dorf- und Güllegeruchs langsam, aber sicher überdrüssig. Das pompöse, glamouröse Grosstadtleben jedoch liegt nicht nur geografisch, sondern auch finanziell in weiter Ferne. Für die meisten Wohler Kantischüler ist es derzeit unerreichbar. Doch zum Glück haben wir Corinne. Stellvertretend für uns alle lebt meine Klassenkameradin seit rund sieben Monaten den Traum der Eigenständigkeit.

Als damals 18-jährige Kantischülerin verliess sie ihr Elternhaus im Freiämter «Kuhkaff» und zog in eine Studenten-WG nach Bern. Seither wohnt sie zur Hälfte in der Stadt und zur Hälfte im Zug. Sie pendelt. Den Tag verbringt sie in der Wohler Pampa, um sich danach aber so schnell wie möglich im nächtlichen Grossstadtdschungel zu verlieren.

Unterdessen hat Corinne für unsere proletenhafte Kanti-Kommune nur noch ein müdes Lächeln übrig. Sie spricht ausschliesslich Berndeutsch und kann sich auch sonst so gar nicht mehr mit dem Freiamt identifizieren.

Momentan ist sie unglaublich glücklich. Wenn sie aber unter der Woche bis um zwei Uhr morgens in einer Bar arbeitet, um sich ihre Wohnung zu finanzieren, danach schon um fünf Uhr aufsteht, um rechtzeitig zur Schule zu kommen, und sich schliesslich beim Mittagessen mit einer Dose Mais zufriedengeben muss, weil sie kein Geld mehr hat, dann bröckelt ihre Fassade.

Dann wird klar, wieso wir Freiämter so lange an Traktorenmarken, Schnupf-Srüchli und Fastnachtskostümen festhalten. Es ist die beruhigende Erkenntnis, dass auch das Stadtleben stinken kann. Wenn auch nach etwas anderem als Freiämter Kuhmist.

Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen.