Die Freitags-Kolumne
Hamlet als moderner Irokese

Will man eigentlich all jenen Leuten begegnen, denen man begegnet im Zug? Es ist erstaunlich, wie viele Leute Nähe zu ihresgleichen unausstehlich finden. Wieso? Das wissen sie nicht.

Max Dohner
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Wohin wollen sie denn gehen?

Wohin wollen sie denn gehen?

«Seid umschlungen, Millionen» – im Morgenzug durch grauen Nebel ist nichts, aber auch gar nichts zu verspüren von dieser Ode an die Freude.

In der Bahn nimmt Platz, wer will. Jeder hat das Recht, hier im Hass aller auszuharren, als wäre er allein, sofern er nur ein Billett löst. Gesetzt, man stellt Türsteher vor den Zug wie bei der Disco, Gorillas, die jeden abweisen, dessen Visage ihnen missfällt. Und gesetzt, jeder könnte dieser Türsteher selber sein – jede Wette: Die Züge wären leer. Mit Ausnahme natürlich desjenigen, der sich für den einzigen, für den letzten erträglichen Bahnkunden hält.

«Der Kluge fährt im Zuge», hiess es einst auf berühmten Plakaten. Klug mag es ja sein. Aber hier noch allmorgendlich den Menschenfreund zu geben, schliesst das nicht ein. Nur Hunde sind unfähig, sich damit abzufinden. Ihre feuchten Augen wandern unablässig durch die Reihen. Sie sind die letzten Unbelehrbaren, wo sie wenigstens in einem starren Gesicht unter Tausenden einen netten Blick erheischen.

Da nehme ich mich selber nicht aus. In der SBB bin auch ich kein Albert Schweitzer oder Pestalozzi. Es kam schon vor, dass ich das Abteil wechselte wegen eines widerlichen Zeitgenossen. Er legte seine käsigen Latschen neben mir auf den Sitz. Aus seinen Ohrenstöpseln drang Blech, aus seinem Mund Kaugummischmatzen.

Im neuen Abteil blieb ich jedoch nicht allein. Sofort nahm ich das persönlich, als lege es Gelichter extra darauf an, mich zu drangsalieren. Der Bursche trug einen flamboyanten Irokesenschnitt. Die Kopfhaut daneben war kahl rasiert. Seine Kleidung war etwas zwischen Pirat und Clown, zwischen Wutstrolch und Gossendandy. In einem Wort: der Lebendbeweis für den Untergang des Abendlandes. Aus seiner Umhängetasche fischte er ein Reclambändchen und begann zu lesen. Eine Zeile strich er an. Ungezogen indiskret schielte ich auf die Stelle: «Welch ein Meisterwerk ist der Mensch!» – Hamlet.

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