Gastkommentar
Gemeinsames Erinnern ist wichtig

«Wichtig ist heute auch ein Verständnis der Jahrzehnte nach dem Kriegsende», schreibt Jacques Picard, Ordinarius üfr Jüdische Geschichte und Kulturen in der Moderne an der Universität Basel zum Ende des zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren.

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Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier (links) legt zusammen mit seinem russischen Amtskollegen einen Krank auf dem Soldatenfriedhof in der Nähe von Wolgograd (ehemals Stalingrad) nieder.

Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier (links) legt zusammen mit seinem russischen Amtskollegen einen Krank auf dem Soldatenfriedhof in der Nähe von Wolgograd (ehemals Stalingrad) nieder.

Keystone

Als in der Schweiz die Friedensglocken läuteten, waren in den Landstrichen in Europa Millionen von Menschen unterwegs – von Ost nach West, von West nach Ost, von Norden nach Süden und umgekehrt. Einstige Soldaten, Verschleppte, Vertriebene, Vermisste, Überlebende, Flüchtende, Opfer, Täter – alle diese Menschen bevölkerten die europäischen Strassen und Wege noch mehrere Jahre nach 1945.

Sie verkörperten ein Bild der monströsen Folgen des Nationalsozialismus und eines Krieges, der in Europa Millionen Tote, zerbombte Städte, seelische Vergiftungen und das Fanal von Auschwitz hinterlassen hat. Es waren zwölf Jahre des Unheils in Europa, seitdem Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in Berlin die Macht übergeben wurde.

Wichtig ist heute auch ein Verständnis der Jahrzehnte nach Kriegsende, als die Friedensglocken verklungen waren. Nach 1945 mussten gerade die Überlebenden lernen, mit der Leere zu leben, die aus der Ermordung von Millionen unwiederbringlich resultierte.

In Deutschland räumte man nicht nur die Trümmer weg, sondern lernte, anstelle der Ideen von 1914 – Sieg, Zucht und Ordnung – die aufgeklärten Formen der Demokratie und der unveräusserlichen Menschenrechte einzuüben. Niemand in Europa erinnerte sich damals gern an die «Nazi-Zeit», an deren Verbrechen man entweder beteiligt gewesen war, von ihnen glücklich verschont oder mit aller Härte ereilt wurde – oder sich im Stillen dagegengestemmt hatte.

Es war in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende nicht selbstverständlich, dass sich Franzosen, Engländer und Deutsche vorurteilslos begegneten. Auch Schweizern und Schweizerinnen war der Umgang mit den «Deutschen» nicht ganz geheuer. Und östlich des «Eisernen Vorhangs» wurde unter dem Deckmantel kommunistischer «Brüderlichkeit» eine zynische Normalität inszeniert, die viele um ihre Freiheit brachte und ihnen abermals Repressionen und Inhaftierungen bescherte.

Es bedurfte Jahrzehnten der Auseinandersetzungen um die eigene Geschichte in den jeweiligen europäischen Nationalstaaten, um sich alsdann zu einem gemeinsamen Erinnern zusammenzufinden. Erst durch diese Anstrengung ist heute so etwas wie ein europäisches Gedächtnis und Gedenken entstanden. «Nie wieder Krieg» untereinander und vor allem «Nie wieder Auschwitz» sind seine Losungen.

Inzwischen rückte eine dritte Generation nach und ist bereits in verantwortungsbewussten Positionen. Und eine vierte Generation lässt eine Jugend erkennen,
die nochmals andere Fragen aufwirft. Menschen also, die alle auf ein gutes Leben in ihren Gesellschaften hinwirken wollen.

Die Nachlebenden können nicht für das Unheil und die Verbrechen der NS-Zeit verantwortlich gemacht werden. Vielmehr geht es um die Verantwortung, wie mit einer geschichtlichen Haftung und eigenen Erbschaften in der Gegenwart umgegangen wird. Bemerkenswert ist, dass diese Enkelgeneration kaum mehr mit den Tabus und Konflikten und dem beklemmenden Leiden belegt ist, die wir Älteren noch als Erfahrung bei unseren Eltern vorsichtig aufzuhellen versuchten.

Auch das mulmige Gefühl, das die Nachkommen der einstigen Opfer zu überwinden hatten, wenn sie den Nachkommen der einstigen Täter begegneten – etwa in Forschungsstätten in München, Berlin, Zürich und Jerusalem – ist der dritten und vierten Generation nicht mehr eigen. Im Gegenteil, die deutschen, schweizerischen und jüdischen Enkel und Urenkel scheinen sich gegenseitig eher zu suchen, um sich gegenseitig zu verstehen.

Es geht im Grundsatz darum, dass Treue und Gedächtnis ebenso zusammengehören wie Redlichkeit und Erkenntnis oder Kritik und Empathie oder Sicherheit und Frieden.

Letzteres ist gerade auch der Sinn und Zweck der europäischen Verständigung in Gestalt von EU und OSZE. Gemeinsames Erinnern soll jenen Sinn stiften, der den zivilisierenden Umgang zwischen Menschen stärkt. Wissen und Verstehen der enormen Umwälzungen, Verwüstungen und neuen Hoffnungen während des Zweiten Weltkrieges und danach – in keinem Fall sollen die krächzenden Ungeister des Bellizismus und der Vernichtung des Anderen von neuem die Köpfe hochrecken.

In den europäischen Gesellschaften besteht ein vitales Interesse, durch gemeinsame Gedächtniskultur – bei allen unterschiedlichen Wahrnehmungen – den Zusammenhang zwischen Erinnerung, Akzeptanz, Frieden und Sicherheit wachzuhalten. Dies wird unsere Zukunft in einer globalen Welt weithin prägen.

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