Per Autostopp um die Welt (14)
Frauen in Istanbul: zwischen Burka, Bier und bösen Blicken

Ex-Wirtschaftsredaktor und Weltreisender Thomas Schlittler hat diese Woche in Istanbul verbracht. Die Frauen und ihre Kleider haben es ihm besonders angetan: ein Leben zwischen Mini-Rock und Mini-Schlitz in der Burka.

Thomas Schlittler*
Thomas Schlittler*
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Die Strassen sind übrigens fast überall hervorragend.
45 Bilder
Mit 110 Euro verlangen die Veranstalter zwar ziemlich viel Geld für türkische Verhältnisse.
Andere Ortschaften in Kappadokien wie Uchisar (hier im Bild) sind aber deutlich spektakulärer als Ürgüp.
Seit 1974 ist die Migros Türk aber unabhängig.
Diese Woche gibt es keine Fahrer-Selfies. Ich mache eine Woche Pause in Istanbul.
In der türkischen Millionenmetropole herrscht überall Hochbetrieb - ob in der Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi...
... auf dem Grossen Basar...
... auf dem Bosporus...
... oder auf der Galatabrücke.
Auf der Galatabrücke schlendern Touristen an den Einheimischen vorbei, die ihr Fischerglück versuchen.
Einige Fische landen direkt neben der Galatabrücke auf dem Grill.
Doch selbst wenn die Fischer einmal nichts fangen, können sie sich an der wunderschönen Kulisse trösten.
... auf der anderen Seite der Galataturm, der über Beyoglu thront, einem westlich geprägten Stadtteil von Istanbul.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich die verschiedenen Menschen durchs Leben schlagen. Einige putzen Schuhe...
...andere schleppen Waren oder verkaufen Tee...
...viele fahren Taxi...
... ein kleiner Teil bettelt...
Neben den Bewohnern hat Istanbul aber natürlich auch unzählige architektonische Leckerbissen zu bieten, allen voran die Hagia Sofia.
Deren Grösse und Pracht ist vor allem von Innen sehr beeindruckend.
Gegenüber der Hagia Sophia steht die Blaue Moschee. Auch vor ihr posieren unzählige Gäste aus aller Welt für ein Selfie.
Die Vielfalt der Menschen, die es vor den Sehenwürdigkeiten zu betrachten gibt, ist manchmal fast spannender als die Sehenswürdigkeit selbst.
Dabei stelle ich fest, dass das Selfie keine kulturellen Grenzen kennt...
... alle versuchen, sich vor den Sehenswürdigkeiten ins rechte Licht zu rücken.
Ich habe gar eine Frau beobachtet,von der nur die Augen zu sehen waren,die aber trotzdem ein Selfie machte.
Burka- bzw Niqab-Trägerinnen in Istanbul sind oft Touristinnen aus dem Ausland. Es gibt aber auch Einheimische, die sich in dieser extremen Form verschleiern.
Dieses Foto zum Beispiel stammt aus dem Stadtviertel Esenler, wohin sich kaum Touristen verirren.
Das Zusammenleben scheint trotz dieser Vielfalt reibungslos zu funktionieren.
Niemand scheint sich um diese Unterschiede zu kümmern.
Frauen mit Kopftuch gehen Arm in Arm mit Frauen, die kein Kopftuch tragen.
Doch der Eindruck täuscht, sagen mir westlich-orientierte Türkinnen.
Und auch ein Päärchen, das sich in der Öffentlichkeit allzu verliebt zeigt, muss in konservativen Stadtteilen unter Umständen mit Misstönen rechnen.
Die Statue von 'Alexander dem Grossen' in Skopje.
Die meisten Statuen und Gebäude wurden in den letzten Jahren aus dem Boden gestampft.
Die Einheimischen,die ich treffe,freuen sich nicht wirklich darüber.
Dank dieser Mutter-Theresa-Statue habe ich aber zumindest etwas gelernt: Die Ordensschwester albanischer Herkunft wurde in Skopje geboren.
Weiter geht es in die bulgarische Hauptstadt Sofia,wo der Sitz des Präsidenten von Soldaten in traditioneller Uniform bewacht wird.
Das Gebäude der Kommunistischen Partei von Bulgarien (hinten rechts) erinnert an die Sowjetzeit.
Mein Lieblingsgebäude ist aber die Georgs-Kirche im Innenhof des Präsidentengebäudes.
Das bekannteste Wahrzeichen von Sofia ist aber wohl Alexander-Newski-Kathedrale,die Kathedrale des bulgarischen Patriarchen.
Grosse Neugierde weckt bei mir auch dieses Bier,das ich auf einem Markt entdecke.
Kleiner und übersichtlicher als Sofia ist Plovdiv,die zweitgrösste Stadt Bulgariens.
Dass Plovdiv eine sehr lange Geschichte hat, beweist unter anderem das römische Theater,das zufällig bei Bauarbeiten entdeckt wurde.
In Plovdiv erlebe ich den letzten Sonnenuntergang in Osteuropa.
Mit dem Fussmarsch über die bulgarisch-türkische Grenze beginnt der zweite Teil meiner Autostopp-Reise.
Die erste Nacht verbringe ich in Edirne,der westlichsten Grossstadt der Türkei.

Die Strassen sind übrigens fast überall hervorragend.

Nordwestschweiz

Istanbul – was für eine Stadt! Die türkische Millionenmetropole verbindet nicht nur geografisch Asien und Europa, hier treffen auch kulturell Welten aufeinander: In Istanbul leben konservative, streng-religiöse Muslime zusammen mit jungen, westlich-orientierten Türken. Manchmal sind sie ein Stadtviertel voneinander entfernt, manchmal eine Strasse – meist aber sind sie bunt durchmischt.

Reisebericht verpasst?

Alle bisherigen Berichte von Thomas Schlittlers Reise per Autostopp um die Welt finden Sie hier.

Was für ein Weltbild in den über 14 Millionen verschiedenen Istanbuler Köpfen vorherrscht, kann ich von aussen unmöglich beurteilen. Einer der einzigen Anhaltspunkte sind die Kleider der Frauen – und da reicht das Spektrum vom Mini-Rock, der knapp den Allerwertesten bedeckt, bis zum Mini-Schlitz, der knapp die Augen freilässt.

Spannend sind aber nicht unbedingt diese Extreme, denn sie sind beide eher selten anzutreffen. Spannend sind vor allem die unzähligen Schattierungen und scheinbaren Widersprüche dazwischen: Ich muss zum Beispiel über eine Frau schmunzeln, von der nur die Augen zu sehen sind, die aber trotzdem ein Selfie vor der Hagia Sophia macht. Oder ich beobachte ein verträumt flanierendes Liebespaar, das zärtlich Händchen hält, während die Frau die Sonne im Gesicht nur durch einen schwarzen Stoff hindurch spüren kann.

Dann begegne ich wiederum Frauen, die ihr schickes Kopftuch mit einem solchen Selbstbewusstsein tragen, dass sie emanzipierter wirken, als viele Frauen mit freien Haaren. Und wenn sie dazu noch hohe Schuhe anhaben und genüsslich an einer Zigarette ziehen, verzweifle ich vollkommen beim Versuch einer Einordnung.

In einigen Stadtvierteln Istanbuls treffe ich in Bars und Clubs zudem auf Frauen, für die Religion und Tradition gar keine Rolle mehr zu spielen scheinen: Sie rauchen, trinken, tanzen bis in die frühen Morgenstunden und stehen ihren Altersgenossinnen in Westeuropa in Nichts nach.

Das Schöne an dieser Vielfalt: Das Zusammenleben scheint reibungslos zu funktionieren. Frauen mit Kopftuch gehen Arm in Arm mit Frauen, die kein Kopftuch tragen. Ob Burka, Bier oder Mini-Rock – als männlicher Tourist habe ich das Gefühl, dass sich in Istanbul niemand um diese Unterschiede kümmert.

Doch der Eindruck täuscht, sagt mir Alev. Die 27-Jährige, die Bier der Burka vorzieht, stellt fest, dass die Toleranz in den konservativen Quartieren abnimmt: “In einigen Stadtvierteln kann es heutzutage vorkommen, dass man als Frau böse Blicke erntet oder gar beschimpft wird, wenn man knapp bekleidet ist.” Auch ein Pärchen, das sich in der Öffentlichkeit küsst, müsse unter Umständen mit Misstönen rechnen.

Die freie Journalistin macht dafür nicht zuletzt den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan verantwortlich. Alev: “Erdogan fördert dieses religiös-konservative Bild der Frau.”

Wie sich verschleierte Frauen in Stadtvierteln fühlen, die vorwiegend von westlich-orientierten Türken bewohnt werden, erfahre ich nicht. Beim Besuch von Çarşamba, dem wohl konservativsten Quartier Istanbuls, ergibt sich kein Gespräch mit Frauen. Ich fühle mich so unwohl und beobachtet, dass ich es nicht einmal wage, meine Kamera hervorzuholen, geschweige denn, eine der Verhüllten anzusprechen.

* Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

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