Lucerne Festival
Fertig lustig am Lucerne Festival

Analyse von Kulturredaktor Christian Berzins zum Lucerne Festival, das im Umbruch steht: «Nun ist es Zeit die Konzerte mit Dirigentenlegende Claudio Abbado in den schönen Bereich der Erinnerung gleiten zu lassen.»

Christian Berzins
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Christian Thielemann dirigiert im KKL am Lucerne Festival 2015.

Christian Thielemann dirigiert im KKL am Lucerne Festival 2015.

Zur Verfügung gestellt

Und dann geschah es doch noch:

Der ganze Konzertsaal lachte – das Festivalthema «Humor» schien erstmals zu greifen. Doch was war geschehen? Just als am Montag alles gebannt auf die KKL-Bühnenpforte starrte, um 19.34 Uhr mucksmäuschenstill das Erscheinen der Stars erwartete, musste ein Konzertbesucher herzhaft niesen.

Doch lassen wir den Spott über das Luzerner Festivalthema. Wer nämlich wollte, der konnte seit 14. August durchaus humorvolle Werke hören, konnte zu Hause in seinem Schaukelstuhl die klugen Programmtexte in Sachen «Humor» studieren. Viel war da zu erfahren: vom Tonarten-Spässchen bis zum intimen Detail, dass Anton Bruckner gerne Hinrichtungen besuchte.

Aber E-Musik bleibt nun mal selbst in ihrer naiv-lustigen Seite seriös: Das ist auch ihre Qualität, unterscheidet sie von der populären Musik der weltumfassenden Spassgesellschaft. Und so betrachtete denn das Lucerne Festival (mit Ausnahmen) den Humor zu Recht mit Ernst – schliesslich war es auch die eigene Lage bis Mitte August. Der Lucerne-Dampfer war nach kritiklosen Jahren vor Festivalbeginn in unruhige Fahrwasser geraten: die weltweit bewunderten Festival-Leitwölfe tot (Claudio Abbado) oder krank (Pierre Boulez), der Intendant Michael Haefliger ab 2020 nach 21 Jahren auf dem Absprung.

Als die Kritiker zu Psychologen wurden

Doch dann, einen Tag vor Festivalbeginn, wurde der Italiener Riccardo Chailly als neuer Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra (LFO) verkündet. Eine grossartige Wahl, wäre da nicht noch etwas auszustehen gewesen: Topfavorit Andris Nelsons hatte noch zwei Konzerte mit dem LFO zu dirigieren. Die Psychologen unter den Kritikern erkannten in ihm eine «lame duck», eine lahme Ente, deren Schicksal schon besiegelt ist, die bloss wild vor dem Orchester rumzappelte und die verwöhnten LFO-Musiker nicht (mehr) führen konnte. Diese Diskussion zog sich über das Festival hinweg, kam doch dieser Nelsons ein zweites Mal mit seinem Orchester aus Boston ins KKL ... und triumphierte.

So fragt sich nun Luzern: Ist das LFO, einst als «bestes Orchester der Welt» betitelt, noch gut? Konnte es nur mit seinem Vater und Seelenverwandten Abbado (1933–2014) gut sein? Kann es wieder gut und Festival-Botschafter werden?

Ja, nein, ja würden wir antworten und 2015 künstlerisch als Übergangsjahr betrachten. Ungeachtet davon blieb das Festival gesellschaftlich ein Top-Event. Alles trifft sich einen Monat lang im KKL: von Emil bis Doris Leuthard. Kein Wunder, druckt neben der «NZZ» auch die «Schweizer Illustrierte» mittlerweile eine Festival-Hochglanz-Beilage. Dieser Glanz ist nötig, damit das Festival-Feuer lodert: Nur so gehen auch die Hunderten von 320 Franken teuren Karten allabendlich weg. Der Glaube an die Kunst der Weltbesten ist für das Publikum wichtig.

Der Glaube an die Kraft Claudio Abbados prägte das Festival zwischen 2003 und 2013. Nun ist es Zeit, diese Konzerte in den schönen Bereich der Erinnerung gleiten zu lassen. Mit Riccardo Chailly steht ein Nachfolger mit eigenen grossen Ideen und Mut im KKL. Wenn es ihm gelingt, den Kern des Festspielorchesters zu packen, eigene Freunde ins Orchester zu hieven, wird Grosses entstehen.

Im Schwung von Chaillys Bestellung wurde auch gleich die zweite Baustelle behoben, die Nachfolge von Legende Pierre Boulez bestimmt: Das deutsche Komponisten-Aushängeschild Wolfgang Rihm (*1952) wird Leiter der Academy, wo junge Komponisten zusammen mit dem Academy-Orchester Werke des 20. und 21. Jahrhunderts erarbeiten. Dirigent und Komponist Matthias Pintscher (*1971) steht zur Seite.

Den Unterschied von 9,58 Sekunden zu 9,85 gehört?

Haefliger führte das Festival elegant aus dunklen Moll-Klängen heraus. A-Dur-helles Champagnerlachen beherrschte Luzerns Festspielnächte. 2016 steht das Lucerne Festival Orchestra allerdings unter besonderer Beobachtung. Sollte es erneut kontrovers diskutiert werden wie 2015, wäre das nicht so schlimm: Im Prinzip reden wir Kritiker ja darüber, ob Orchester die 100 Meter in 9,58 oder bloss in 9,85 Sekunden laufen.

Von aussen betrachtet muss das vergnüglich sein, da unsere Kritiker-Uhr aus zwei Ohren besteht, die höchst ungenau messen. Dennoch, hier die Festival-Rangliste: 1. Amsterdam (Harding) 2. Boston (Nelsons) 3. Dresden (Thielemann) 4. Berlin (Rattle) 5. Lucerne Festival Orchestra (Nelsons) 6. Mahler Chamber (Gatti) 7. LFO (Haitink) 8. Petersburg (Temirkanov) 9. San Francisco (Tilson Thomas) 10. West Eastern Divan (Barenboim).

christian.berzins@azmedien.ch

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