Per Autostopp um die Welt (52)
Er ist Chinese, er heisst Li – und trotzdem ist er einzigartig!

Thomas Schlittler reist diese Woche von Hanoi (Vietnam) nach Guilin (China). Im Reich der Mitte entdeckt er die Einzigartigkeit der Menschen und wird zu einem Fest eingeladen. Dort erntet er zwar freundliche Blicke, erfährt aber auch die zurückhaltende Art der Chinesen.

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Per Autostopp um die Welt - Woche 52: Menschen, Städte, Landschaften
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Die Stadt gefällt mir hervorragend. Da ist Leben in der Bude.
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Grosse Teile des Lebens spielen sich auf der Strasse ab ...
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Es ist aber nicht zu übersehen, dass grosse Teile der Bevölkerung in sehr ärmlichen Verhältnissen leben.
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In armen Ländern Ländern wie Vietnam ist es immer wieder verstörend, wie viele alte Leute einer körperlich harten Arbeit nachgehen müssen.
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Wer an der Armut aus vietnamesischer Sicht mit Sicherheit keine Schuld hat, ist der frühere Unabhängigkeitskämpfer, Premierminister und Präsident Ho Chi Minh.
Dieser wird in Vietnam nach wie vor wie ein Gott verehrt. In Hanoi gibt es ein riesiges Museum über ihn und in diesem Mausoleum liegt nach wie vor sein Körper.
Die Vietnamesen - und westliche Touristen - stehen auch heute noch Schlange, um dem 1969 verstorbenen Ho Chi Minh die Ehre zu erweisen.
Nach dem hektischen Hanoi geht es auf die wunderbar grüne Insel Cat Ba.
Ich erklimme zwei der zahlreichen Hügel und werde dafür mit wunderschönen Ausblicken belohnt.
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Dann geht es quer durch die Halong Bucht zurück ans Festland.
Leider ist es sehr dunstig. Deshalb werden die Fotos nicht so schön, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Mit den Augen konnte ich die Fahrt aber trotzdem in vollen Zügen geniessen. Halong Bay ist trotz der Touristenmassen definitiv eine Reise wert!

Per Autostopp um die Welt - Woche 52: Menschen, Städte, Landschaften

Thomas Schlittler

Ich bin zurück bei den 1,4 Milliarden Chinesen. Oder sind es weniger? Oder mehr? Wer weiss das schon so genau. Auf jeden Fall sind es verdammt viele.

Doch was sind überhaupt Chinesen? Sind damit nur die Han-Chinesen gemeint, die rund 90 Prozent der Bevölkerung stellen? Oder alle Menschen, die in der Volksrepublik China leben? Also auch Tibeter und muslimische Uiguren? Und was ist mit den 53 anderen offiziell anerkannten Minderheiten?

Von Hanoi nach Phu Thuy: Kat nimmt mich auf seinem Roller mit, obwohl ich noch gar nicht stöpple. Eine alte Legende mit Alt-68er-Style.
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Von Phu Thuy nach Hai Duong: Ichuan (rechts) stoppt trotz extrem viel Verkehr. Er sagt mir zuverlässig, wie die Orte heissen, die wir zusammen durchqueren.
Von Hai Duong nach Hai Phong: Ihr seht es, LKW-Fahrer Thuye ist eine Frohnatur.Er lacht sich schlapp,als er mich mit meinem Autostopp-Schild am Strassenrand sieht.
Von Hai Phong nach Phu Lon: Die Fähre auf die Insel Cat Bag kostet 170'000 Dong (ca. CHF 7.60). Die Einheimischen zahlen weniger ...
In ein paar Monaten (oder Jahren) wird die Insel durch diese Brücke mit dem Festland verbunden sein. Meine nächsten Fahrer sind Ingenieure ...
Von Phu Long nach Cat Ba City: ... die an dieser Brücke arbeiten. Einer davon ist Mac (links), der 8 Jahre lang in Japan studiert hat.
Von Cat Ba City nach Tuan Chau: Nach zwei Nächten auf Cat Bat gehts durch die weltberühmte Halong Bucht wieder ans Festland. (CHF 20.-)
Von Tuan Chau nach Halong City: Dieser Rollerfahrer schaut recht missmutig drein, als er mich mitnimmt. Ich zweifle erst, dass der das 'No Money' ernst meint.
Von Halong City nach Cua Ong: Mit diesen beiden Herren kommuniziere ich fleissig via Google Translate. Ich erfahre unter anderem, dass sie Plastik transportieren.
Von Cua Ong nach Tien Yen: Er schweigt erst 30 Minuten - und fängt dann plötzlich zu klassischer Musik an zu singen.
Von Tien Yen nach Mong Cai (Grenze Vietnam/China): Wie so oft – Die Frau im Auto (z.v.r.) kann etwas Englisch. Sie hat eine der zartesten Stimmchen, die ich je gehört habe.
Von Dongxing (Grenze China/Vietnam) nach Nanning: Sie sind schon an mir vorbei, als sie rückwärts die Autobahneifahrt zurückfahren, um mich doch noch mitzunehmen
Li (rechts), seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn erlösen mich nach drei Stunden am Strassenrand.
Von Liujing (zurück) nach Nanning: Chaun wäre fast noch ein besserer Beweis für die Individualität der Chinesen. Leider kann er aber nicht so gut Englisch.
Er hört westliche Musik und teilt mir dank Übersetzer-App mit: 'I don't agree with Chinese education'
Von Nanning nach Laibin: Mit diesen beiden Herren habe ich eine schweigsame Fahrt. Wir können nicht kommunizieren.
Von Laibin nach Liuzhou: Genau das Gleiche mit diesem Herrn. Mit ihm rede ich aber mehr mit Händen und Füssen.
Von Liuzhou nach Guilin: Und dieser Herr findet es ziemlich lustig, dass ich null Chinesisch kann. Er lacht sowieso die ganze Zeit.

Von Hanoi nach Phu Thuy: Kat nimmt mich auf seinem Roller mit, obwohl ich noch gar nicht stöpple. Eine alte Legende mit Alt-68er-Style.

Thomas Schlittler

In Europa wissen die meisten wenig bis gar nichts über das Reich der Mitte. Hier ist China einfach dieses Land mit den (zu) vielen Einwohnern, in dem die Regierung nicht kritisiert werden darf und Facebook, Google sowie Twitter gesperrt sind. Chinesen, das sind die mit der merkwürdigen Schrift, die mit Stäbchen Hunde und Katzen verspeisen. Zudem rennen sie gerne mit topmodernen Kameras bewaffnet durch europäische Städte. Oder sind das die Japaner und Koreaner? Egal, die sehen doch sowieso alle gleich aus – und bestimmt ticken sie auch alle gleich, sonst wären sie nicht immer im Rudel unterwegs.
Ich sitze im Auto von einem dieser scheinbar so verwechselbaren Chinesen. Sein Name passt perfekt ins Klischee: Li. Auf dem Rücksitz sitzen seine Frau sowie der 22 Monate alte Sohn. Die junge Familie hat mich gerade von drei langen Stunden am Strassenrand erlöst.

Li (rechts), seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn erlösen mich nach drei Stunden am Strassenrand.

Li (rechts), seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn erlösen mich nach drei Stunden am Strassenrand.

Thomas Schlittler

Li spricht perfekt Englisch. Das ist in China eine Seltenheit und beim 32-Jährigen besonders beeindruckend, weil er nie im Ausland studiert hat. Li arbeitet für eine chinesische Firma, die in Entwicklungsländern Stromkraftwerke baut. Als er mir gerade mehr von seiner Arbeit erzählen will, klingelt sein Telefon. „Sorry“, sagt er und spricht dann auf Chinesisch in die Freisprechanlage.
Ich meine zumindest, er redet Chinesisch beziehungsweise Mandarin. Doch nach dem Telefonat erklärt er mir: „Das war meine Schwester. Wir sprechen miteinander Zhuang. Meine Frau ist Han-Chinesin und hat beim Telefonat deshalb etwa gleich viel verstanden wie du.“ Die Zhuang sind mit rund 17 Millionen Menschen das zweitgrösste Volk Chinas – nach den Han.
Die Schwester wollte wissen, wo Li und seine Familie bleiben. Die drei werden in Lis Heimatstadt zu einem Fest erwartet. Lis Familie hat einen neuen Bus gekauft, mit dem sie Personentransporte durchführt. Um das zu feiern gibts Feuerwerk, gutes Essen, Bier und Reiswein. Wieso ich das so genau weiss? Li lädt mich kurzerhand zu den Feierlichkeiten ein.

Feuerwerk ...
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... hervorragendes chinesisches Essen ...
...und Alkohol gibt es in China, wenn eine Familie einen neuen Bus kauft, mit dem Personentransporte durchgeführt werden.

Feuerwerk ...

Thomas Schlittler

Die Stadt bietet wenig fürs Auge und ist für chinesische Verhältnisse winzig, Li schätzt rund 50'000 Einwohner. Touristen verirren sich kaum hierher. Im Iran oder in Myanmar wäre ich an einem Fest in einer solchen Stadt bestimmt wie ein Popstar gefeiert worden. Hier in China sind die Menschen zurückhaltender. Ich ernte zwar viele neugierige Blicke und freundliche „Ni Hao“ („Hallo“), das Herumgezerre und übertriebene Hofieren fällt aber weg – was sehr angenehm ist.

Lis Heimatstadt Liuhing bietet wenig fürs Auge. Hierher verirrt sich kaum ein Tourist.
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In China sind die Menschen bei einem Gast aus der Fremde aber zurückhaltender als in anderen Ländern. Einige Kinder mal ausgenommen ...
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Lis Heimatstadt Liuhing bietet wenig fürs Auge. Hierher verirrt sich kaum ein Tourist.

Thomas Schlittler

Am Fest sind neben Familienangehörigen auch ehemalige Schulkollegen von Li. Während er mittlerweile in der 80 Kilometer entfernten Grossstadt Nanning lebt, sind sie hier geblieben. Englisch spricht niemand. Als sie mich zum Anstossen an ihren Tisch holen, fungiert Li als Übersetzer. Li trinkt keinen Schluck. Das liegt nicht nur daran, dass er am späten Abend wieder nach Hause fahren muss: „Mir wurde vor einigen Jahren der Ausweis entzogen und ich musste ein paar Tage ins Gefängnis, weil ich im angetrunkenen Zustand gefahren bin.“ Seither rührt er Alkohol nicht mehr an.
Als Li seine ehemaligen Schulkollegen bei einer chinesischen, komplizierteren Version von „Schere, Stein, Papier“ beobachtet, bei welcher der Verlierer jeweils trinken muss, meint er: „Die können sich gehen lassen, sie haben ein einfaches Leben hier in der Kleinstadt. Die meisten haben ihr eigenes kleines Geschäft und können morgen so lange schlafen, wie sie Lust haben.“ Li sagt das aber nicht so, als würde er die anderen um ihre Situation beneiden. Im Gegenteil, ich interpretiere seine Aussage eher so: „Ich habe hart gearbeitet, Karriere gemacht und reise nun um die Welt – sie sind hier hängengeblieben.“

Seine ehemaligen Weggefährten wirken jedoch nicht weniger glücklich als Li. Sie haben ihre Prioritäten einfach anders gesetzt als er. Sie ticken offensichtlich anders als er. So wie jeder einzelne der 1,4 Milliarden Menschen in China etwas anders tickt. Jeder ist einzigartig. Das habe ich mittlerweile gelernt – auch wenn ich sonst nach wie vor wenig bis gar nichts weiss über China. Und auch wenn die Chinesen für mich nach wie vor alle sehr ähnlich aussehen. Aber das tun wir für sie ja auch.

Route Woche 52: 1. Teil – 360km

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Thomas Schlittler
Route Woche 51: 2. Teil – 704km

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