#Maturtortur
Eine Schande für die Schule

«Ich bin froh, wenn Sie Ihre Matur-Tortur in ein paar Wochen hinter sich haben. Dann bleibt mir nämlich zukünftig auch die Tortur erspart, Ihre Texte zu lesen», verkündete mein Chemielehrer vergangene Woche.

von Patrick Züst*
von Patrick Züst*
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Nicht immer herrscht Friede und eitel Sonnenschein im Klassenzimmer. Unser Kolumnist hat sich von seinen Kantonsschullehrern schon einiges anhören müssen.

Nicht immer herrscht Friede und eitel Sonnenschein im Klassenzimmer. Unser Kolumnist hat sich von seinen Kantonsschullehrern schon einiges anhören müssen.

Keystone

Die Klasse lacht. Währenddessen suche ich in seinem Gesicht nach einem Anflug von kollegialem Sarkasmus. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob ich fündig geworden bin.

Kantonsschullehrer gehören sicherlich zu den treusten Lesern dieser Kolumne. Vielleicht geht es ihnen dabei um den täglichen Lehrerzimmer-Smalltalk, vielleicht auch um die böse Vorahnung, dass sie selbst einmal als Protagonist in einem Text auftauchen könnten.

Trotzdem mögen sie die Kolumne. Meistens. Ich freue mich immer über das kritische Feedback, das dezente Lob und vor allem über die subtilen Anspielungen während den Lektionen.

Ich gehe grundsätzlich gerne an die Kanti. Ich mag die Eigenständigkeit, die enorme Bandbreite des vermittelten Wissens und die enge Klassengemeinschaft. Solange ich das so auch in meiner Kolumne schreibe, ist die Welt in Ordnung: Es herrscht blauer Himmel, Sonnenschein.

Sobald aber das leiseste Wort der Kritik aufkommt, verdunkelt sich das Firmament über der Mittelschullandschaft. Es ziehen Wolken auf und ein dumpfes Grollen geht durch die Aargauer Lehrerzimmer.

All die positiven Äusserungen der vergangenen Monate sind auf einen Schlag vergessen. Und ab und zu entlädt sich ein Blitz: «Sie sind eine Schande für diese Schule!» «Sie sind ein Möchtegern-Journalist!» «Sie gehören zu den Idioten dieser Welt!»

Während dem vergangenen halben Jahr haben mir Kantonsschullehrer so einiges an den Kopf geworfen. Teils waren es feine Schneeflocken, teils kilogrammschwere Hagelkörner.

Das lässt mich natürlich nicht ganz unberührt. Die persönliche Kritik sei aber ein gutes Zeichen, gaben mir erfahrene Journalisten zu verstehen: «Es zeigt, dass Du damit einen wunden Punkt triffst», sagten sie. Und so etwas hört man natürlich auch als «Möchtegern-Journalist» gerne.

Die herabsetzenden und bissigen Seitenhiebe sind widersprüchlich. Grundsätzlich wird man nämlich an der Kanti stets dazu angehalten, Dinge zu hinterfragen und sich eigenständige Gedanken zu machen. Jedoch ist das scheinbar in nicht ganz allen Bereichen erwünscht.

Umso spannender ist es deshalb zu sehen, wie sich die allgemeine Wetterlage im Schulzimmer mit nur wenigen Worten beeinflussen lässt. Und nach diesem Text steht mir wohl wieder ein Gewitter bevor.

* Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen