Gastkolumne
Eine Ode an das Flüchtlingslager New York

Die Gastkolumne zum einstigen Ankunftsort für Millionen von Flüchtlingen – heute eine der reichsten Städte der Welt.

Reto Baumgartner*
Reto Baumgartner*
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Multikulti – was bei uns bereits ein leicht abschätziger Begriff ist – wird hier in New York richtig gehend zelebriert. (Symbolbild)

Multikulti – was bei uns bereits ein leicht abschätziger Begriff ist – wird hier in New York richtig gehend zelebriert. (Symbolbild)

Solothurner Zeitung

Wir sind zurzeit in New York und entdecken diese pulsierende Metropole auf unseren Streifzügen. Wir erleben ständig Neues und sind fasziniert vom Charme von New York und seinen Einwohnern, von der Lebensfreude, der Hilfsbereitschaft und vor allem der Internationalität.

New York ist der Inbegriff einer multikulturellen Stadt, in der sämtliche Ethnien dieser Welt zusammenleben. Keiner wird angestarrt, weil er eine andere Hautfarbe hat, eine bestimmte Kleidung trägt, eine bestimmte Sprache spricht oder sonst ein Erkennungsmerkmal ausweist, das ihn unterscheidet von anderen.

Im Gegenteil. Als Tourist wird einem von wildfremden Menschen geholfen, wenn man nur den geringsten Eindruck erweckt, man suche etwas oder wisse den Weg nicht.

Multikulti – was bei uns bereits ein leicht abschätziger Begriff ist – wird hier richtig gehend zelebriert. New York ist stolz auf seine grosse Chinatown und das angrenzende Little Italy. Essen geht man zum Griechen, zum Libanesen, zum Mexikaner, zum Südkoreaner oder zum Indonesier.

Und alle sprechen zwar englisch zusammen, aber die meisten haben einen auffälligen asiatischen, südamerikanischen, afrikanischen oder osteuropäischen Akzent. Man ist einerseits stolz, New Yorker zu sein, anderseits ist man auch stolz auf seine Herkunft.

Und die erste Frage, wenn man jemanden kennen lernt ist «where are you from?». Dabei ist der Fragende (ganz untypisch für amerikanische Einstiegsfragen) auch tatsächlich interessiert an der Antwort.

Nach wenigen Tagen wird einem klar: Genau das ist das Erfolgsrezept von New York. Genau das macht diese Stadt so unglaublich spannend und attraktiv. Ein schier unendliches Gemisch von Lebensart und Herkunft.

Ein glühender Schmelztiegel der Menschheit, eine Fusion der Kulturen, die unglaubliche Energien freisetzt, permanent neue Ideen und Konzepte hervorbringt. Wie wurde New York zu dieser eindrücklich offenen Metropole?

Historisch gesehen sind die USA das Einwanderungsland schlechthin und das Eingangstor in diese Neue Welt war praktisch für alle New York.

Auf Ellis Island, der vorgelagerten Insel, wurden alle Ankömmlinge in Empfang genommen, medizinisch untersucht und registriert, bevor sie weiterreisen durften. Etwa die Hälfte aller Amerikaner hat einen Vorfahren, der über Ellis Island in die USA kam.

Und es waren Heerscharen von Flüchtlingen. Der Abschaum Europas, wie man in historischen Dokumenten auf Ellis Island nachlesen kann. Zwischen 1820 und 1940 rund 300 000 Schweizer, die aus wirtschaftlicher Not auswanderten.

Aus Ländern wie Irland, Italien, Russland aber auch Deutschland waren es sogar mehrere Millionen, die das verarmte, kriegsgeprägte und religiös intolerante Europa verliessen.

Entsprechend wuchsen die Bevölkerungszahlen in den USA rasant an. In New York, wo sich viele Flüchtlinge nach ihrer Ankunft auch gleich niederliessen, wuchs die Bevölkerung von 1820 bis 1860 von 123 000 auf sage und schreibe 813 000!

Das sind über 600 Prozent in 40 Jahren! Die meisten fanden eine Beschäftigung in Privathaushalten, als Hilfsarbeiter oder in einer Küche. Viele versuchten sich schon bald als Handwerker, Schneider, Bäcker, Köche und schafften es so langsam aus den überfüllten Flüchtlings-Unterkünften eine komfortablere Bleibe zu machen.

In ihren Quartieren entstanden so mit der Zeit kleine Exklaven ihrer Heimat, wo mit der Zeit aber auch neue Elemente dazukamen, was genau zu dieser kulturellen Vermischung und schliesslich zu einer neuen, gemeinsamen Identifikation führte.

Denn allen Einwohnern dieser Stadt gemeinsam ist – unabhängig von Hautfarbe, Religion oder sozialer Stellung – der grosse Stolz auf ihre Stadt, auf ihr Land, auf ihren way of life.

Man kann von den Amerikanern halten, was man will. Und vieles, was sie tun, darf auch kritisiert werden. Aber es wäre schön, wenn wir Europäer und insbesondere wir Schweizer – gerade auch in der heutigen Flüchtlings-Diskussion – etwas mehr von dieser amerikanischen Offenheit, von der grossen Toleranz und diesem Positive Thinking übernehmen würden.

New York ist das beste Beispiel dafür, dass Flüchtlinge nicht nur Last und Gefahr darstellen, sondern dass es auch neue Arbeitskräfte, neue Konsumenten und vor allem Menschen mit neuen Ideen und grossem Tatendrang sind, die zwar kurzfristig für ein Land eine Bürde darstellen, langfristig aber ganz viel Positives bewirken können – wenn man es zulässt.

* Der Autor ist Unternehmer und Web-denker, Mitgründer und -inhaber der MySign AG, Olten. Er wohnt in Kappel.

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