#Maturtortur
Ein Zivi zwischen Rekruten

Zivildienst gilt nicht als Höhepunkt der Männlichkeit. Unser Kolumnist Patrick Züst hält trotzdem an seiner Entscheidung fest und erklärt, wie man auch als Zivildienstler seinen Mann stehen kann.

Patrick Züst
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Patrick Züst hat sich trotz des schlechten Rufs für den Zivildienst entschieden. (Symbolbild)

Patrick Züst hat sich trotz des schlechten Rufs für den Zivildienst entschieden. (Symbolbild)

Keystone

Ich bin ein Weichei. Ich bin ein Feigling, eine «Schwuchtel», eine «Pussy», eine Frau. Ich habe keinen Stolz, keine Eier und erst recht kein Rückgrat. Ich bin kein Mann und werde auch nie ein Mann sein. Die Reaktionen meiner Kollegen auf meinen Entscheid, Zivildienst zu leisten, waren eindeutig. Mein Gesuch habe ich gestern aber trotzdem bestätigt.

In den vergangenen Monaten hat sich in meinem Kollegenkreis eine regelrechte Militärbegeisterung entwickelt. Das «notwendige Übel» verwandelte sich zur «wertvollen Erfahrung» und zur «grossen Chance». Wieso genau, weiss ich nicht – meine Kollegen übrigens auch nicht. Anders sieht es bei meinen Kolleginnen aus: Die halten nach wie vor nichts vom Militär.

Ich gebe es ja zu – nach den eindrücklichen Videopräsentationen am Infotag wäre auch ich fast schwach geworden. Ein Trottel, wer in der Haut des uncoolen Nerds stecken will, der im Altersheim den Leuten das Fleisch schneidet. Stattdessen kann man im Militär, wie die Soldaten im Video, mit Maschinengewehren, Blendgranaten und vielen Explosionen Häuser erobern und den bösen Feind in die Flucht schlagen.

Dass hinter dem Zivildienst noch mehr steckt als «alten Säcken den Arsch abwischen» – wie unser Gruppenführer damals so schön sagte – interessiert praktisch niemanden.

Erzählungen von Kollegen, die Zivildienst geleistet haben, weckten bei mir schon früh den Wunsch, meine Dienstpflicht als Zivi zu absolvieren. Erzäh-lungen von Kollegen, die Militärdienst geleistet haben, verstärkten diesen Wunsch noch. Die Jobs sind vielfältig, abwechslungsreich und interessant: Laborassistent im Forschungsinstitut, Mitarbeiter im Spital, Assistenzlehrer in der Schule. Vor allem aber sehe ich in ihnen einen klaren und unmittelbaren Nutzen.

Wenn ich als Mann (?!) schon zwingend ein Zwischenjahr vor dem Studium einlegen muss, kann ich diese Zeit nutzen, um direkt Menschen zu unterstützen und den Fortbestand von Organisationen und Stiftungen zu sichern, die auf Zivildienstleistende angewiesen sind. Dafür leiste ich gerne 1,5-mal so lange Dienst wie meine Kollegen.

Dafür nehme ich auch gerne den Aufwand auf mich, selbst nach einer geeigneten Stelle zu suchen (was sich im Übrigen als um einiges schwieriger herausstellt, als zuerst erwartet). Und wenn ich wegen dieser Überzeugung nie zum richtigen Mann oder zum richtigen Schweizer werde, dann sei das halt so.

Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen.