#Maturtortur
Ein Jubiläum der Volljährigkeit

Ein Jahr ist es her, als Kolumnist Patrick Züst volljährig wurde. Vorgestellt hat er sich das Erwachsensein ein wenig anders. Nostalgisch denkt er an die unbeschwerten Momente zurück.

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Volljährigkeit macht nicht automatisch erwachsen.

Volljährigkeit macht nicht automatisch erwachsen.

Zur Verfügung gestellt

In der Nacht vor meinem 18. Geburtstag habe ich einen Schlussstrich gezogen. Ich habe mich von meiner Kindheit verabschiedet, der grauen Welt der Einschränkungen den Rücken gekehrt und mich auf die bunte Welt der unbeschränkten Möglichkeiten gefreut. Der Aufbruch zu dieser Reise in Vernunft, Verantwortung und Volljährigkeit ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her. Angekommen bin ich bisher nicht.

Ich weiss nicht mehr, wie ich mir meinen 18. Geburtstag damals vorgestellt habe. Ich erinnere mich nur noch an die ernüchternde Erkenntnis, dass sich praktisch nichts verändert hat. Natürlich öffnet einem die Volljährigkeit zahlreiche Türen. Ich kann jetzt Autofahren und mich über die mühsamen Fahrschüler aufregen. Ich kann jetzt abstimmen und mich über das unverständige Stimmvolk nerven. Ich kann jetzt meine Steuererklärung ausfüllen und mich über den zu hohen Steuerfuss beschweren (obwohl das als Kantischüler wahrscheinlich nicht ganz gerechtfertigt ist).

Das alles gehört – so scheint es – zum Erwachsenenleben dazu. Als Kantischüler geniesst man diese Dinge. Erwachsen fühlt man sich deshalb aber nicht. Ganz anders sieht das bei meinen Jugendfreunden aus. Sie sind im Gegensatz zu uns Gymnasiasten definitiv angekommen in der Erwachsenenwelt. Jenny zum Beispiel, mit der ich damals noch im Sandkasten spielte. Dort ist sie zwar auch heute noch ab und zu anzutreffen, aber nicht mehr mit mir, sondern mit ihrer Tochter Nathalie. Oder Oliver, der sich vor einigen Wochen mit seiner eigenen Firma selbstständig gemacht hat. Und natürlich auch Joel und Marco, die jetzt gemeinsam eine WG haben.

Das alles ist toll – manchmal wünsche ich mir meine Minderjährigkeit aber trotzdem zurück. Zum Beispiel dann, wenn das Kinoticket plötzlich drei Franken teurer ist, wenn Versicherungsvertreter anrufen, um mit einem über «individuelle Versicherungslösungen für den ganz persönlichen Lebensstil» zu sprechen, oder wenn AHV und Pensionskasse das Gefühl haben, einen Teil des hart verdienten Lohns gleich wieder abziehen zu müssen. Es waren die Momente im vergangenen Jahr, in denen ich daran zweifelte, ob es wirklich eine Reise von einer grauen in eine bunte Welt ist und nicht doch eher umgekehrt. Die Momente, in denen ich mich fragte, was es neben der Volljährigkeit noch braucht, um sich erwachsen zu fühlen. Am kommenden Freitag werde ich mein einjähriges Jubiläum der Volljährigkeit feiern – meinen 19. Geburtstag. Vielleicht kann ich es danach besser beurteilen. Denn Alter bringt ja bekanntlich Weisheit.