Truppenübung
Die verpasste Chance der ideenlosen Manöverplaner

Am Freitag und Samstag finden in Basel Demonstrationen gegen die Truppenübung «Conex 15» statt. Das Training zur Sicherung der Grenze wirkt angesichts der Flüchtlingskrise wie ein Affront. Steckt hinter der Militärübung nicht eher Einfallslosigkeit?

Bojan Stula
Bojan Stula
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Demonstranten protestierten am Freitag auf dem Claraplatz gegen die Truppenübung «Conex 15».

Demonstranten protestierten am Freitag auf dem Claraplatz gegen die Truppenübung «Conex 15».

Keystone/Patrick Straub

Die Gesichtsfarbe des Schulkommandanten war so rot wie die Pfeile auf seiner grossen Manöverkarte. Völlig unverhofft fand sich der Oberst mit seinen aufsässigen Unteroffiziersanwärtern in eine Grundsatzdiskussion verwickelt, wieso eigentlich in den Manövern der Schweizer Armee der Feind immer in Form von Panzerdivisionen aus dem Osten komme und mit der Farbe der Hammer-und-Sichel-Fahne gekennzeichnet sei. Man schrieb das Frühjahr 1990.

Die eine Hälfte der angehenden Korporale war GSoA-Mitglied und noch immer berauscht von den 35 Prozent Ja-Stimmen in der Armeeabschaffungsabstimmung im vergangenen November. Die andere Hälfte glühende Gorbatschow-Verehrer, die das einstige «Reich des Bösen», die in sich zerfallende UdSSR, bereits als neuen demokratischen Musterstaat sahen. Der Autor sass mittendrin und gehörte keiner der beiden Parteien an, hatte aber seinen Heidenspass daran, wie der Oberst zunehmend um Fassung rang: «Also gut, also gut, wenn sie es unbedingt so politisch korrekt wollen, nehme ich das nächste Mal Gurken-Grün als Farbe für den Feind», streckte der Infanterie-Haudegen schliesslich entnervt die Waffen.

Nazi-Freunde und Kommunistenfresser

Man merkt es schon: Die Übungsszenarien der Schweizer Armee wurden seit je von der Öffentlichkeit mit äusserstem Misstrauen betrachtet. Stets vermuteten kritische Beobachter darin das Abbild der wahren Geisteshaltung der den Milizlern ohnehin verdächtigen Berufsmilitärs. Sei es am grossen Kaisermanöver von 1912, als den Sozialdemokraten wegen der offenen Deutschland-Hörigkeit von Übungsleiter Ulrich Wille «die Übelkeit» hochkam. Sei es vor dem Zweiten Weltkrieg, als die Übungsanlage von der jeweiligen Gegenseite entweder als zu Nazi-freundlich oder zu Welschen-lastig gegeisselt wurde. Oder eben im Kalten Krieg, als man lauter Kommunistenfresser im Generalstab und Instruktionskorps vermutete.

Besonders schwer ringen unsere Manöverplaner um einigermassen realistische Szenarien, seit viele Warschauer-Pakt-Staaten zur Nato übergelaufen sind, anderseits aber in der Schweizer Armee weder Bestände noch Material ausreichen, um irgendwelche supponierten Schlachten mit Möchtegern-Eroberern zu schlagen.

Darum werden schon seit 20 Jahren Flüchtlingsströme aus dem Osten und sich ringsherum auflösende staatliche Strukturen als Ausgangspunkte genommen, um die Übungs-Drehbücher der Armee mit irgendwelchen anschaulichen und nachvollziehbaren Rahmenhandlungen und Sicherungsaufträgen zu versehen. Wer darin das Werk von blossen Handlangern einer Asyl- und Abschottungspolitik härtester Rechtsaussenprägung wiedererkennt, darf sich die Aufregung sparen. In der Regel sind sie viel eher Ausdruck einer gewissen Fantasielosigkeit und dem Hang entsprungen, Manöveranleitungen einfach aus den Vorjahren abzuschreiben.

Das fantastische Szenario ist real geworden

Nun würden armeekritische Kreise auch ohne irgendwelche Flüchtlingsszenarien zum Protest gegen «Conex 15» aufrufen und gegen die grosse Truppenübung auf Nordwestschweizer Boden Sturm laufen. Sie müssten sich bloss eine andere Begründung einfallen lassen als jene, die ihnen vom Armeestab auf dem Silbertablett geliefert wurde. Das erste derartige Manöverszenario habe ich selber bereits Mitte der 1990er-Jahre miterlebt.

Nur war es damals trotz Jugoslawienkrieg noch unvorstellbar, dass sich Hunderttausende von Flüchtlingen entlang von Autobahnen und Bahngleisen zu wahren Menschenströmen vereinigen und in ihrer Verzweiflung versuchen würden, einen Grenzübertritt trotz Stacheldraht und Militärkordon zu erzwingen. Diese Vorstellung war für uns damalige WK-Soldaten genauso fantastisch wie der Atomschlag gegen des Mittelland wenige Jahre zuvor.

Statt dass sich die «Conex»-Planer ihrer Weitsicht rühmen und das Wort von Armeechef Blattmann aufnehmen, dass niemand wissen kann, welche Konfliktszenarien die Zukunft bereithält, blasen sie wie Weiland der rot angelaufene Schulkommandant zum Rückzug. Das Flüchtlingsszenario sei nicht Inhalt der Truppenübung, liess die Übungsleitung vorsorglich verlauten. Vielmehr gehe es um Objektschutz, Katastrophenhilfe und die Unterstützung ziviler Behörden.

Schade. Denn es wäre weitaus dringender zu üben, wie sich die Armee hilfsbereit, mitfühlend und unter Wahrung der Menschenwürde an der Aufnahme von Flüchtlingsströmen beteiligen kann, damit es im Fall der Fälle bei uns nicht zu Szenen wie an der ungarischen oder mazedonischen Grenze kommt. Darum haben mir die Übungsszenarien der Schweizer Armee noch nie irgendwelche Sorgen bereitet. Die mangelnde Standhaftigkeit und Orientierungslosigkeit einiger Generäle und Obristen hingegen schon.

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