Wochenkommentar
Die Schule ist kein Kinder-Reparatur-Service

«Wir müssen den Kindern einfach vormachen, was wir von ihnen erwarten.» Der Wochenkommentar über den Schulanfang und was unsere Kinder nach neun Jahren Schule können müssen.

Matthias Zehnder
Matthias Zehnder
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Farbige Kreide in einem Klassenzimmer der Primarschule (Symbolbild)

Farbige Kreide in einem Klassenzimmer der Primarschule (Symbolbild)

Keystone

Rund 1500 Kinder hatten Anfang Woche im Kanton Basel-Stadt und etwa 2000 im Kanton Baselland den ersten Schultag. Zum ersten Mal sind sie diese Woche mit einem Ranzen auf dem Rücken in die Schulhäuser getippelt und haben die ersten Schritte in Lesen, Schreiben und Rechnen gemacht. Sie haben damit ganz selbstverständlich in Angriff genommen, was in den letzten Monaten heftig und polemisch diskutiert worden ist: die Volksschule.

Polemische Diskussionen um die Volksschule

Das Reizwort heisst «Harmos», es steht für eine Harmonisierung der Bildungslandschaft und soll der gestiegenen Mobilität der Bevölkerung mit einheitlicheren Lehrplänen Rechnung tragen. Basel-Stadt hat im Rahmen der Umstellung von vier auf sechs Jahre Primarschule Harmos und den damit verbundenen Lehrplan 21 bereits eingeführt. Baselland will erst mal einen «Marschhalt» einlegen und sich das neue Plangefüge noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Die Diskussion um die richtige Schule wird zum Teil heftig geführt. Jahrelang hatten Politiker von der Schule gefordert, nicht in Einzelfächern zu denken, sondern vernetztes Lernen zu fördern. Jetzt führt die Schule den Fachbereich «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (RZG) ein, der unter anderem Geografie und Geschichte umfasst. Statt Jahreszahlen zu büffeln und Hauptstädte auswendig zu lernen, sollen sich die Kinder und Jugendlichen künftig Kompetenzen zu räumlichen, historischen, gesellschaftlichen und politischen Themen aneignen. Aber das ist den Politikern auch wieder nicht recht: Sie beklagen den Verlust der Einzelfächer, deren schubladisierendes Denken sie vorher jahrelang kritisierten.

Dabei geht die Diskussion am eigentlichen Problem vorbei. Nehmen wir die 1500 Erstklässer im Kanton Basel-Stadt. Sie werden ihre obligatorische Schulzeit im Jahr 2024 beenden und dann eine Berufsausbildung oder eine weiterführende Schule in Angriff nehmen. Bis sie eine Stelle suchen oder ein Studium beginnen, wird es 2027 bis 2030. Ziel der Volksschule in Basel ist es, die Kinder so zu bilden, dass sie «gut gerüstet sind für die Zukunft», wie das Erziehungsdepartement schreibt. Konkret stellt sich also die Frage, wie wir unsere Kinder und Jugendlichen auf die Zukunft vorbereiten, zum Beispiel auf das Jahr 2024 oder das Jahr 2030. Wissen Sie, was die Kinder dannzumal wissen und können müssen?

Die Antwort liegt auf der Hand: Es kann sich nicht um Jahreszahlen oder Hauptstädte handeln. Es müssen Kompetenzen sein. Die Allerwichtigste: Die Kinder müssen denken und lernen können. Lernen ist die mit Abstand wichtigste Fähigkeit in einer sich immer schneller ändernden Welt. Neben Kompetenzen und Fertigkeiten wird es aber im Jahr 2024 (oder 2027 oder 2030) noch auf etwas ganz anderes ankommen: auf Werte, auf eine klare Haltung. Unsere Gesellschaft ist sich immer weniger einig darüber, was richtig ist und was falsch, was gut, was unanständig, was erwünscht und was verabscheuenswürdig. Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder, die am Montag zum ersten Mal den Schulranzen gepackt haben, selbst lernen, darüber zu entscheiden. Das Problem ist dabei, dass die Gesellschaft sich höchst widersprüchlich verhält.

Einerseits lehren wir unsere Kinder, dass Habgier schlecht ist, andererseits werden Paris Hilton und Donald Trump bewundert. Einerseits lehren wir die Kinder, dass es nicht auf Äusserlichkeiten ankommt und sie selbst über ihren Körper bestimmen sollen, andererseits klebt die Welt voller Plakate, auf denen sich Nackedeien über Autos räkeln. Die sexuelle Leistungsfähigkeit ist so wichtig, dass diese Woche jetzt auch eine Pille für die Frau auf den Markt gekommen ist. Einerseits lehren wir die Kinder denken, andererseits ist die Welt immer stärker auf kritiklosen Konsum optimiert. Kein Wunder, werden die Kinder kirre.

Wir lehren Wasser und saufen Wein

Ich meine, unsere Gesellschaft begeht einen Fehler, wenn sie die Schule als ein Kinder-Patch-Institut behandelt und Bildung an die Schule delegiert wie den 100 000-Kilometer-Service fürs Auto an die Garage. Die Schule ist kein Kinder-Reparatur-Dienst. Sie kann die Mängel der Gesellschaft nicht im Morgenkreis von 8 bis 9 beheben. Wenn wir etwas für unsere Kinder tun wollen, dann müssen wir nicht die Schule reformieren, sondern die Gesellschaft. So, wie sie sich jetzt präsentiert, lehren wir Wasser und saufen Wein. Oder, etwas weniger biblisch formuliert: «Monkey see, monkey do» – wenn Imitation einer der stärksten Lernprozesse ist, müssen wir den Kindern vormachen, was wir von ihnen erwarten.

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